Samstag, 18. September 2010

Meine kleine Retro-Show

Es ist ja nicht so, als hätt ich nix zu tun: ich hab Stapel, die mich bis Neujahr oder Ostern 24/7 in Atem halten werden.
Aber heute brauchte ich dringend eine Sicherheitsnadel... ich möchte da nicht weiter drüber sprechen. Gefunden hab ich alles, was etwas größer war. Dabei brach dann plötzlich ein sehr heftiger Nostalgieschub aus, und der ist noch nicht vorbei. Ich fand dieses (Jg. 1984), funzt noch, und die tapes, die dabei lagen, ja, die auch.



Danach fand ich dann das, von noch früher:


und das hab ich live gesehen, möglicherweise das erste public viewing im JFK-Airport!
Darunter lagen diese zwei Hefte:





da sahen wir alle so aus:


und trugen sowas:



Die gabs damals schon in the US of A:



Das hier alles war NEW and HOT in den Siebzigern!



das auch! Das wollte JEDER!






Kennt Ihr die noch? O.J., Dolly Parton, Farrah Fawcett, etc...?



Hätte noch etwa ein Dutzend mehr, aber was ich nicht hab, ist die Zeit dafür. Vielleicht beim nächsten Nostalgie-Schub. So in dreißig Jahren etwa.
Ach, bis dahin ist das Internet überholt, oder tot. Und ich erst recht!
Bis dahin, liebe Nachwelt, habt Spaß.

Mittwoch, 1. September 2010

Eier von katholischen Nonnen

Normalerweise würde hier jetzt eine muntere kleine Besprechung des Films "Mary & Max" stehen. Aber es gibt schon so viele, und zum Inhalt könnte ich jetzt gar nichts Neues mehr beitragen.
Stattdessen geb ich gern ein paar Randnotizen, Textbröckchen, Bildchen, zum Besten, weil sie dem Film den kleinen Extrakick geben.
Dass es keinerlei Dialoge in dem Film gibt, dessen Darsteller alle aus Ton geformt sind, hat mich am Anfang etwas gestört, aber an den Moderator hatte ich mich schnell gewöhnt. Allerdings wünschte ich mir, ich hätte die Originalversion gesehen, weil ich nur zu gern die Stimmen von Philip Seymour Hoffmann und Toni Colette gehört hätte, wie sie die Briefe vorlasen.
Denn so wird die Geschichte transportiert: durch das Verlesen von Briefen, gleichzeitig von den Knetfigürchen bespielt.
"Mary & Max", die ungleichen und doch so ähnlichen Brieffreunde – sie – jung - in Australien, er – alt - in New York – erzählen und tauschen aus, was ihnen so Alltägliches und Außergewöhnliches passiert. Sie plätschert ganz harmlos dahin, diese Korrespondenz, und dann entdecke ich immer wieder liebevolle kleine Seitenhiebe, Original-Quotes, Hinweise auf Schauspieler, Regisseure und Schnipsel aus dem wirklichen und echten Filmschaffen.
Die Knetmasse macht es möglich, die unverkennbaren Züge der Gesichter von Woody Allen, Alfred Hitchcock und John Travolta in Nebenfiguren zu karrikieren.
Szenen, die mir vom „richtigen“ Kino in Erinnerung blieben, hier seh ich sie wieder: die Fotowand aus „One Hour Photo“ besteht hier nun aus Briefen, die Mary an Max schickte... kurz eingeblendet: „Katz Delicatessen“... ein bisschen „Stadtneurotiker“-Feeling.... ein bisschen „Peanuts“-Feeling. Und als später Marys hübscher Ehemann Damien mit der Schmachtlocke sich in einen Schäfer auf Neuseeland verliebt und sie verlässt, da weiß ich doch: „Brokeback Mountain“ lässt grüßen.
Max und Mary stellen und beantworten gewissenhaft alle Fragen, und ich bin gar nicht überrascht, als Max eine Erklärung bereit hat für Marys Anliegen: „Wo kommen die Babys wirklich her, meine Mama sagt, sie steigen aus Biergläsern auf“ da antwortet er: „ In Amerika werden die Babys nicht in Cola-Dosen gefunden. Ich hab meine Mutter mal gefragt, als ich vier war, und sie sagte, Babys schlüpfen aus Eiern, die von Rabbis gelegt werden. Wenn du nicht jüdisch bist, werden sie von katholischen Nonnen gelegt. Wenn du Atheist bist, von dreckigen, einsamen Prostituierten.“
Mary fragt auch Sachen wie: „Schrumpfen Schafe wenn es regnet? – Bekommen Gänse auch Gänsehaut? Kann ein Fisch unter Wasser rauchen?“ Und Max weiß: „Fische rauchen nicht unter Wasser, denn sie haben gar keine Taschen für die Feuerzeuge“. So isses doch.
Als passionierte Worterfinderin, die ich bin, ist Max bei mir genau richtig mit Kreationen wie „confuzzled“ denn es merkt doch wohl jeder, dass er „confused“ und „puzzled“ endlich vereint hat, und „snow“ und „dirt“ konnte er kaum besser einschmelzen als auf „snirt“ .
Und dann hat mir noch gefallen, dass diese Figuren nicht niedlich sind, nicht überschön. Ihre Hässlichkeit gehört zum Thema, ist Thema. Und die Hässlichkeit der Habitate ebenfalls. Mary und Max sind unter all den Katastrophen doch irgendwie innen schön.
Ach ja, es ist gar kein Kinderfilm, wie ich dachte, als ich noch etwas zögerlich das „Cinenova“ in Köln-Ehrenfeld betrat. Geht ruhig hin, unterhaltsame 92 Minuten.
Vom Inhalt wollte ich nichts erzählen, und vom Ende erst recht nicht. Ein Schlusswort hab ich dann doch, es stammt vom Stein auf dem Grab von Marys Mutter, der Säuferin Vera:
„Always merry
killed by Sherry“

Dienstag, 24. August 2010

Vollmond-Kino

Kino ist nicht das Leben. Es tut nur so. Und ganz manchmal ist es wirklich so. Heute Abend ist wieder Vollmond. Da kommen besonders viele Irre raus, sagt man. Aus erster Hand bestätigen kann ich das nicht, aber meine Sicht der Dinge ist in dieser Beziehung vielleicht auch etwas unscharf. Jedenfalls wäre so eine Vollmondnacht ein Anlass, sich mal wieder „Shining“ reinzuziehen, oder „“Einer flog übers Kuckucksnest“. Aber nein, ich nehm mir den amerikanischen Film „Girl, interrupted“ vor, der in Deutschland den marktschreierischen BILD-übertrifft-SAT1-Aufmacher-Titel „Durchgeknallt“ trägt. Da geht es um Momentaufnahmen, die dem Tagebuch von Susanna Kaysen (Winona Ryder) entstammen, die zu diesem Zeitpunkt, Ende der Sechziger, gerade ihren Highschool Abschluss gemacht hatte. Statt über ihre Zukunft rumzugrübeln, mixt sie sich einen eins-zu-eins Beinahe-Killer-Cocktail aus einer Flasche Aspirin und einer Flasche Vodka. Wer so was macht, kann ja nur verrückt sein, und die fürsorglichen Eltern erreichen durch freundliche Überredung und sanften Druck, dass sich Tochter Susanna selbst in eine psychiatrische Klinik einweist. Keine der staatlichen Verwahranstalten, wo nicht therapiert wird, und wo die Insassen verwaltet und gefüttert werden. Nein, Claymoore ist schon eher ein Ponyhof. Das heißt nicht, dass die anderen Insassen nicht veritable Irre sind. Das sind sie auf alle Fälle, gut sortiert in allen Erscheinungsformen. Da ist für jeden was dabei. Susanna wird offiziell mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Die gütige Schwester Valerie (Whoopie Goldberg, mit Hammer-Afro) hat alles und Alle im Griff, und sie bescheinigt Susanna die Faulheit und Zügellosigkeit eines kleinen Mädchens, das sich nur selbst in den Wahnsinn treibt. „Schlag hier keine Wurzeln“ sagt sie ihr.
Nurse Valerie hat alles gesehen und weiß, dass man schnell in den institutionalen Mühlen zerdengelt wird, denn dieses Getriebe läuft wie geschmiert.
Aber erst mal fühlt Susanna sich gut aufgehoben in Claymoore. Täglich kritzelt sie Notizen in ihr Tagebuch über die anderen Bewohner. Das Brandopfer Polly (gespielt von der damals 17-jährigen Elisabeth Moss, die später eine der Hauptrollen in der Serie „Mad Men“ hatte), die schwerst verwirrte und misshandelte Daisy (Brittany Murphy, die vor knapp einem Jahr starb), die Hähnchenreste aus der Bräterei ihres übergriffigen Vaters unterm Bett und im Schrank versteckt. Und da ist die wirklich total durchgeknallte Lisa (Angelina Jolie), die ihre Diagnose: „criminally insane“ wie eine Monstranz vor sich her schaukelt und immer frontal auf Crash Kurs operiert. Lisa gibt die coole Sau, aber man ahnt schon die innere Zerrissenheit, ihre Wunden. Sie ist obercool, scheint sogar kalt und gefühllos, und auf der Beliebtheitsskala der anderen verhaltenstechnisch geforderten Bewohner rangiert sie sehr weit unten. Unterhalb von unten.
Ich sag’s gleich, Jolie hat für diese Rolle einen Oscar für „best supporting actress“ bekommen, und ich hab mich die ganze zeit gefragt, warum. Die meiste Zeit schaut sie finster und mürrisch, wirft ihren wundenlippigen Mund über die untere Gesichtspartie und lässt verbale Hässlichkeiten rausquellen. Sie sieht viel zu alt, grau und abgewrackt aus für diese junge Frau, die sie darstellen soll. Ryder kuckt eher wie ein verstörtes aber kluges Rehkitz, die anderen halt wie die ganz normalen Nachbarschaftsirren. Manche sagen, Ryder hätte den Oscar für die beste Hauptrolle bekommen sollen. Ich sag das nicht. Eigentlich hätte ihn in diesem Film niemand bekommen müssen.
Die Geschichte wird in Episoden erzählt, und das ist ja auch nicht abwegig, denn er ist nach einem echten Tagebuch von der echten Susanna Kaysen inszeniert und umgesetzt worden, und da ist nichts gegen einzuwenden. Durch Verkettung mehrerer Schocker-Events dramatiert er etwas zäh dahin. Von einem Hype zum anderen. Es wird gevögelt, geschockt, gehauen, geselbstmordet. Wie im richtigen Leben. Auch das passt zur Thematik, und der Film ist ja auch als Drama angelegt. Das Blöde ist, dass es dann am Ende nur noch Melodram ist. Und auch darüber darf ich nicht meckern, denn wenn die richtige, echte und einzig wahre Susanna Kaysen das so erlebt hat, dann musste es so sein. Schließlich ist das ihr Leben, sie hat’s so erlebt, und sie wollte das so. Es ist dann die Aufgabe eines Regisseurs (James Mangold), da etwas mehr Farbe und Kontinuität reinzubringen.
Was mich gegen den Strich gebürstet hat, war, dass man ja immer wusste, dass Susanna eben nicht verrückt war. Dass sie sich aufgrund ihrer gegenwärtigen Lebensumstände in Claymoore wohl fühlte, und dass sie die Irrizität der anderen Bewohner zu ihrer Normalität machte.
Ihre Ambivalenz ist ihr großes Thema, und die Hauspsychiaterin Dr. Wick (Vanessa Redgrave, großartig wie immer, sie kann gar nicht anders) argumentiert sanft aber gerne nicht nur zu diesem Thema, auch zu Susannas Promiskuität, zum Sex allgemein und im Besonderen. Sie rückt ihr den vermeintlich irren Kopf grade.
Susanna wendet sich letztendlich auch von ihrem Freund Toby (Jared Leto) ab, der dem Ruf der Army mit der Flucht nach Kanada entkommen will. Zusammen mit Susanna. Aber Susanna will nicht mehr. Sie würde wohl gerne in Claymoore vor Anker gehen, wovor ja die gütige Valerie von Anfang an gewarnt hatte. Nur ein kleines bisschen irre zu sein in so einer Einrichtung lässt sich aushalten: Unter den Blinden ist der Einäugige König.
Das Ende ist nicht wirklich happy, aber auch nicht direkt niederschmetternd. Es ist ein „so isses eben“ Ende.
Für mich wär etwas weniger Melo und mehr Dram befriedigender gewesen und etwas mehr plot hätte auch sein dürfen. Aber um meine Wünsche geht’s hier nicht, und auf mich hört eh keiner.
„Girl, interrupted“ war kein Kassenerfolg und verschwand auch bald in der Versenkung. Vielleicht zu Recht.
Das alles hindert mich aber nicht daran, den Film ziemlich spannend zu finden. Und irgendwann während der letzten 20 Minuten, lief Jolie noch zu Hochform auf. Da gibt ein show-down zwischen Susanna und Lisa, und das ist für mich „the saving grace“ des Films. Das hab ich dann auch zwei- dreimal zurückgespult zum nachkucken, -hören und –sehen, und für ein paar Minuten dachte ich, ja, da kann man schon einen Oscar zumindest in Erwägung ziehen.
Ob das alles nun schlüssig war oder nicht, etwas schlaff im Abgang war „Girl, interrupted“ leider doch. Da hat Mr. Mangold vielleicht das „interrupted“ bei der Inszenierung etwas zu wörtlich genommen.
Aber ansehen kann man sich den Film trotzdem. Gute Besetzung und durchweg gut gespielt.
Und so ein bisschen Irrizität zum Vollmond, warum eigentlich nicht?

Freitag, 23. Juli 2010

Sommerlochfilme

long time no movie.
Ach doch, den einen oder anderen Film hab ich gesehen. Und danach bereut, Geld dafür ausgegeben zu haben.
Darum will ich mir wenigstens die Worte darüber sparen. Die brauch ich dann für später, wenn das Sommerloch vorbei ist. Es herrscht ja allgemeine Verknappung von allem. Ich muss haushalten.
Wer denkt sich den Müll eigentlich aus? Wer verplempert diese Moneten? Gibt es einen Plan, der da heißt: "...und nun produzieren wir für das Sommerloch... das Geld ist gedruckt und muss ausgegeben werden"?
Bis denne mal wieder, wenn die Filme, die ich sehen will, endlich in meinem kleinen Programmkino gelandet sind. Zu Tageszeiten, die nicht mit der Sonneneinstrahlung kollidieren, andererseits das umherirren in unsäglichen Nachtjackenvierteln nicht ganz unmöglich machen.
Grüße aus dem Nitchewo.

Montag, 17. Mai 2010

"Masserberg"

Mel ist schön. Mel ist lieb. Mel ist wild. Vor allen Dingen jung und unangepasst. Und krank. Eine schwere Augenkrankheit hat sie in die Einöde von Masserberg verschlagen, wo sich die Klinik befindet, die sich zur verblühenden Blütezeit der DDR als angesagte Adresse für Augenleiden aller Art empfahl.
Mel ist der Sonnenschein der überwiegend alten Patientinnen, mit denen sie ein Mehrbettzimmer teilt. Sie lassen sich gern von der jungen Mel rumscheuchen und aufmuntern. Mel verkörpert Lebensmut und Durchhaltevermögen, freche Kodderschnauze und liebevolle Zuwendung.
Mel hat Fluchtpläne, rübermachen in den Westen, einen Freund, der die Lage ausbaldowert.
Mel verliebt sich in den neuen Klinikarzt, Dr. Sanchez. Sie will haben, was sie haben will und fühlen, was sie fühlen will. Hier kommt die aufmüpfige Mel zum Vorschein, die sich nicht abfinden will. Mit Nichts. Und außerdem kann sie etwas, das für eine so junge Frau ungewöhnlich ist, mitfühlen.
Sie redet der sterbenden Einauge nicht ein, dass alles noch gut werden wird, sondern sie beschafft ihr das geliebte Mandelöl, das sie an ihre „Beinah-Geliebte, Marlene Dietrich“ erinnert. Da ist Betty, die von der Brüstung der Terrasse springen will, die sie ins Leben zurück umarmt. Und als Betty abgeholt und „in die Klapse“ gebracht wird, merkt Mel, dass es vielleicht besser gewesen wäre, sie springen zu lassen. Das ist ein Bild, das mein Herz zerreißt und Tränen in die Augen treibt.
„Was schlimmer ist, als blind zu sein? Blind und einsam zu sein.“ Das ist das Damoklesschwert, das auch über Mel hängt. Das sie vergessen kann, wenn sie sich mit Carlos im Wald trifft. Dieser etwas sperrige, aber zu hübsche Dr. Sanchez, der sich nicht verlieben will, der zu Hause eine Tinka hat, seine blasse aber ehrgeizige Ehefrau, der er sich auch schon mal verweigert. Sie will ein Kind, und sie kriegt es auch. Er macht ihr eins en passant in der Küche.
Nicht direkt unstimmig, aber etwas arg plakativ wird es, als quasi simultan Tinka ihrer Fehlgeburt und Mel mit Carlos im Wald auf ihren Orgasmus zusteuern. Zurückhaltende Unterwasser-Sphärenmusik liegt über beiden Szenarien, und nur eine split-screen Darstellung hätte den Impact überhöhen können.
Die beiden hochdramatischen Momente, die Mel an den Rand ihres Überlebenswillens treiben, werden durch das Lied „Ohne dich“ begleitet. Mels Gefühlschaos von Rammstein untermalt.
Das Schicksal schlägt von allen Seiten ein. Dramagesättigt, der Film "Masserberg", dafür aber auch pralle und kurzweilige Unterhaltung.
Anna Fischer ist eine glaubhafte Mel, rebellisch und zärtlich, tough und weich, aber vor allem durchgeknallt und von ungeheurer Präsenz. All or nothing at all.
Der schöne Dr. Sanchez, Carlos, er ist mir zu glatt und zu schön. Da hatte sich doch der kleine, grünliche Kubaner aus dem Buch tief in mein Hirn eingegraben. Ich glaube, das hätte dem Film den besonderen Kick gegeben: die schöne junge Mel liebt den grünlichen kubanischen Arzt.
„Masserberg“ sehe ich nicht als einen der Dennoch-Ostalgiefilme, die eine zeitlang aus allen Ecken quollen: Kuckt mal, wir hatten nix, aber davon satt. Er hat allerdings so ziemlich die ganze Palette Ost-Content, die bei Filmen, die in der DDR spielen, beinahe Pflicht sind: Spitzel, Blockwarte, Maulwürfe, Linientreue, Revoluzzer, Angepasste und Unangepasste. Dass es so ist, muss man erwarten, wenn es um eine Story geht, die in der DDR spielt. Aber die Geschichte hätte überall so ablaufen können. Und hier war die DDR und die Klinik in Masserberg die Kulisse. Und die Verhältnisse die Stichwortgeber. Ein absolutes highlight dann Mels abgefahrene modische statements.
Die Schauspieler gefallen mir. Beinah ohne Ausnahme. Schön zu sehen, dass es eine deutsche Produktion mit soviel Schicksals-Inhalt gibt, die ohne die üblichen Tragikerinnen Ferres, Elsner, Schönbauer und Berben auskommt. Schöne alte Frauen, die gute Maria Simon als „graue Maus“ Tinka. Den hier schon mehrfach bejammerten zu schönen Carlos nehm ich als den üblichen Wermutstropfen. Dazu noch gut bekannte Altmeister des TV-Spiels wie z.B. Ernst Jacobi, Jürgen Heinrich und Oliver Breite. Anna Fischer ist zauberhaft, und ihren kleinen spitzen Augenzahn find ich süß.

Meine Empfehlung: Film kucken am Mittwoch, dem 19.5. ARD 20:15h und dann Buch bestellen und lesen.

Als Vorlage diente der Roman von Else Buschheuer, der auch dieses Jahr im Aufbau Verlag, Berlin, neu aufgelegt wurde

Montag, 19. April 2010

Nur Narren begrüßen den neuen Tag mit einem Lächeln. "A Single Man"

George (Colin Firth) ist kein Narr. George ist ein Lehrer. Ein korrekt gekleideter, unauffällig eleganter Herr in diesen dubiosen „besten Jahren“. In seiner Wohnung, an seinem Arbeitsplatz und an ihm selbst herrscht penible Ordnung. George ist weder außerordenlich schön noch besonders hässlich, Gesicht und Frisur sind eben auch korrekt. Das ist das Äußerliche.
Innerlich ist George zerrissen. Er leidet seit nun schon acht Monaten unter dem Verlust seines Lebenspartners Jim (Matthew Goode), der durch einen Autounfall ums Leben kam. Sechzehn Jahre waren sie zusammen. Der Freigeist Jim und der Ruhepol George. Ein schönes, ein harmonisches Paar, wie in den vielen flash-backs gezeigt wird. Überhaupt gibt es sehr, sehr viele flash-backs, was ich ja generell nicht so mag, aber hier passt es schon, denn wie sonst sollte sein derzeitiger Zustand begründet werden? Am drögsten ist ja immer, wenn Protagonisten in langen Dialogen oder, noch schlimmer, Monologen, ihre Vergangenheit ausleuchten.
George leidet also. Er nimmt seine Kollegen nur noch oberflächlich wahr, seine lethargischen Schüler öden ihn an, und die diskreten Annäherungsversuche des Studenten Kenny (Nicholas Hoult) registriert er mit einem müden, geduldigen Lächeln. Er hat keine Freude mehr am Leben, war er doch schon vorher nicht der strahlende Optimist, jetzt hat er erst recht alles satt. „Jim war immer fröhlich beim Aufwachen“, moniert er nachsichtig: „Only fools greet the morning with a smile“.
Seine gute Freundin, Charlotte „Charley“ (Julianne Moore), eine überkandidelte Trinkerin, etwa in seinem Alter, schmeißt sich noch mal ran, um eine seit ewigen Zeiten abgehakte kurze Affaire mit ihm wiederzubeleben. Aber der Ofen ist schon lange aus. Colder than a witches tit. Sie bleibt die Freundin, an deren Schulter er sich in den ersten Stunden des Schocks weinen darf.
Diese Szene, in der George vom Tod seines Geliebten telefonisch informiert wird, setzt den Ton, die Stimmung, für den weiteren Verlauf. Mit der berühmten britischen „stiff upper lip“ hört er die Nachricht, die ihm durchaus feinfühlig übermittelt wird, und bewahrt absolute Contenance. Er fragt die richtigen Fragen, gibt die korrekten Antworten, und erst bei Freundin Charley bricht er zusammen als er ihr weinend in die Arme fällt. Das ist aber auch das einzige äußere Zeichen seiner privaten Hölle. So gefasst, wie er sich darstellt, so überlegt und überlegen, überrascht es mich, dass er diese acht Monate überhaupt überstanden hat.
Aber acht Monate sind genug des Leidens, ohne Jimmy, ohne Freude, ohne einen Grund, für den es sich weiterzuleben lohnte. Er beschließt also, sein Leben zu beenden. Und da er ein ordentlicher Mann ist, plant er das minutiös. Er bringt sein Leben in Ordnung, sortiert Dokumente, die nach seinem Tod benötigt werden, Versicherungspolicen, Abschiedsbriefe, Anzug und Anweisungen für seine Bestattung, ein paar Scheine für die Haushälterin, versteckt im Brotbeutel, den sie gerne im Tiefkühlfach aufhebt.
Dann probt er die Ausführung, a dry run mit Revolver. Das sind komische Szenen, absichtlich von hell-schwarzem Humor angehaucht, und es darf auch etwas erleichtert gelacht werden.
Colin Firth gefällt mir außerordentlich in dieser Rolle. Colin Firth gefällt mir meistens. Tom Ford als Regisseur kann ich nicht einschätzen, es ist sein erster Film. Hier und da bricht die Ästhetik eines Mode-Designers in den farb- und bewegungsschönen Bildern durch. Ich hätte gut auf einigen geschmäcklerischen Schnick-Schnack verzichten können, die mehrfach wiederkehrenden Unterwasserszenen zum Beispiel. Stellenweise ist mir die Szenerie zu glatt, Madison Avenue-mäßig auf hochglanz poliert. Schwarz-weiß und Sepia suggerieren Stimmungen, die Firth gut mimisch und gestisch selbst ausdrückt. Aber es gibt auch geistreiche Dialoge, Situationskomik, schön möbilierte Häuser und edel gekleidete Menschen. kein Film, den man unbedingt gesehen haben muss, aber schaden tuts auch nicht. Schon wegen Colin Firth nicht.
Die Romanvorlage ist von Christopher Isherwood von 1964, die Zeit, in der auch der Film spielt. Eine Zeit, in der es noch klumpige Telefone mit Spiralkabel und Wählscheiben gibt.

Dienstag, 6. April 2010

Das weiße Band

Wenn ich was gut kann, dann ist es mich gruseln. Und die Schauder, die mir über den Rücken liefen, waren nicht wohlig sondern eiskalt.
Ein Kinderfilm, steht unter dem Titel. Das ist insofern irreführend, als er nicht FÜR Kinder ist, obwohl er laut FSK für Zwöfjährige freigegeben ist.
Zwar handelt der Film von Kindern, es wirken viele Kinder mit, das ist aber auch alles. Und sie sind diesmal nicht nur Staffage mit hohem Niedlichkeitsfaktor. Null Niedlichkeitsfaktor. Es sind Kinder, wie wir sie auf alten Fotos unserer Urgroßeltern gesehen haben. Die Mädchen mit knöchellangen Kleidern, Zöpfen und Affenschaukeln, die Jungen mit Hosenträgern und strengen Jöppchen und kurzgeschnittenen Haaren - Fassonschnitt.
Es ist ein Film zum Fürchten. Die Düsterheit der schwarz/weiß Aufnahme unterstreicht das. Manche Personen sehe ich nur als schemenhafte Schattengestalten. Kurze Einblicke, die manche Handlung nur ahnen lassen, und das genügt auch für mehr Schaudern.
Es gibt keine Hauptdarsteller im Sinne von „leading woman“ oder „leading man“, nicht mal „leading child“. Alle Personen sind gleichzeitig Hauptpersonen und Nebenfiguren. Auch die Kinder.
Das Erste, was ganz offenbar wurde, war, dass die Männer ein brutales Regiment führen, die Frauen kuschen, und die Kinder leiden.
Es geschehen unheimliche Dinge, Brutalitäten an Kindern und Erwachsenen. Und ich dachte dann auch sofort – von Tatorten gestählt – aufpassen, wer da von Außerhalb kommt, ein Fremder. Am besten ein unheimlicher Fremder. Aber da kam keiner. Alle waren schon da.
Also aufpassen, wer sich besonders verdächtig machte. Und alle waren schon da.
Die Dinge ereigneten sich kurz vor dem 1. Weltkrieg in dem sehr kleinen, abgelegenen deutschen Dorf Eichwald. Die Hierarchie im Dorf ist klassisch für diese Zeit: der Gutsherr, der Pastor, der Arzt. Alle drei Familienväter mit Kindern, die sich nur durch ihre Kleidung voneinander unterscheiden. Schmale, blonde Kinder. Die Männer sind streng und autoritär. Die Frauen an ihrer Seite unterwerfen sich ihrem Regiment, auch wenn sie manchmal vergeblich versuchen, zu vermitteln.
Besonders die Rigidität des evangelischen Pfarrers (Burghart Klaußner) erschreckte mich. Mir schien, als hätte er die Kinder nicht, weil er sie liebte, sondern weil er dem Gebot der Religion folgte, das die Vermehrung verordnete. Er straft seine Kinder erbarmungslos auch für die kleinsten Vergehen, für dumme Streiche.
Der verwitwete Arzt (Rainer Bock) hat ein Verhältnis mit der Hebamme (Susanne Lothar), die er demütigt und erniedrigt auf eine Art, die mir Tränen in die Augen treibt. Er hat sie satt. Er will sie nicht mehr in einer dunkelen Ecke besteigen. Wie nebenbei, ruhig und kalt sagt er: "Du kommst daher wie das Leiden Christi zu Pferde, du bist häßlich, du bist ungepflegt, du riechst aus dem Mund, ebensogut könnte ich eine Kuh bespringen. Geh, warum stirbst du nicht einfach. Du hast kein Ehrgefühl." Sie antwortet überraschend gefasst: "Neben dir kann man sich das nicht leisten." Sie geht aus dem Haus. Mir bleibt der Kloß im Hals.
Der Gutsverwalter (Josef Bierbichler) in seiner Art ein Patriarch. Und streng natürlich auch. Keine Spur der sonst so betont bierbichlerischen Jovialität.
Die restliche Dorfbevölkerung arbeitet auf den Feldern des Gutsherrn. Die Kinder helfen mit. Und wenn sie grad nicht helfen, spielen sie anderen – Kindern und Erwachsenen – dumme Streiche. Dumme? Böse. Sehr, sehr böse. Und die drakonischen Bestrafungen folgen auf dem Fuß. Der Pfarrer zum Beispiel macht diese Strafen zu einer Art Schaulaufen, wenn die Kinder als äußeres Zeichen ein weißes Band im Haar oder am Ärmel tragen müssen: „Seht her, ein verwerflicher Mensch.“
Ist es die Unterdrückung, die Gnadenlosigkeit der Strafen, die diesem Obrigkeitsdenken Vorschub leistet? Dem bedingungslosen Gehorsam? Der Grausamkeit?
Alles Böse in dieser Welt scheint hier auf die kleinstmögliche Einheit reduziert worden zu sein. Die Familie im abgelegenen Dorf.
Der rührendste Moment ist für mich der, als der kleine Sohn des Pfarrers seinem Vater den Vogel schenkt, den er verletzt gefunden und gesundgepflegt hatte. Einer der unsäglich traurigen die Reaktion des Vaters.
Die Sinnlosigkeit der bösen Taten, die unendliches Leid schaffen, ist offenbar. Die Sinnlosigkeit der Bestrafungen, der rigiden Herrschaftsideologie, wird vorgeführt. Am Ende gehe ich aus dem Film und denke, man kann drauf zeigen, so viel man will. Es wird sich nichts ändern an dem Bösen. Außer der Form.