„Fair game“ heißt der Film, denn ich heut Nachmittag im Metropolis Köln in der Originalfassung gesehen habe. Fair game heißt Freiwild, und bevor Valerie Plame Wilson (Naomi Watts) und Joe Wilson (Sean Penn) wirklich dazu werden, vergeht mehr als eine Stunde.
Aber gut, so ein Plot muss sich aufbauen. Das braucht halt seine Zeit.
Val Plame, Ehefrau des früheren amerikanischen Botschafters in Niger, Joe Wilson, ist eine Undercover-Agentin der CIA. Sie hat ein properes Informanten-Netzwerk in Bagdad und gibt die Resultate ihrer Auskundschaftungen auftragsgemäß ins Hauptquartier weiter. Soweit läuft alles smooth. Zuhause hat sie zwei kleine Kinder, das Eheleben läuft ebenfalls smooth, bis auf die Tatsache, dass beide Eheleute überarbeitet sind und sich zu wenig sehen. Wie so was halt so ist.
Im Fernsehen tönt Baby Bush rum, dass Saddam Hussein dabei ist, Atombomben zu basteln, man habe Beweise und nieder mit dem Bastard, der unschuldige Amerikaner umbringen will. Man schickt also Joe Wilson nach Niger, um auszukundschaften, ob es stimmt, dass Saddam dort 500 Tonnen von dem dafür benötigten Uran eingekauft haben kann. Wilson mag das nicht glauben, er kennt das Land aus seiner Botschafterzeit, fliegt hin und stellt eindeutig fest: Kein Stück! Schon rein logistisch unmöglich: Abbau und Transport – no way. Also zurück marsch-marsch, Bericht erstatten: nix is, kein Uran für Saddam. Aber der Bericht wird unter den Tisch manipuliert, und wenn Bush jr. sich mal was in den Kopf gesetzt hatte, kriegte man das auch mit vernünftigen Argumenten nicht mehr raus. Also, wird Bagdad gebombt.
Inzwischen arbeitet Valerie daran, einige ihrer irakischen Informanten und Verwandte einer befreundeten irakischen Ärztin aus Bagdad rauszuholen. Das Resultat ist bekannt, es klappt nicht, der Plan wird verraten und viele, viele Iraker, die vor Saddam fliehen wollen, sterben. Irgendjemand hat durchsickern lassen, dass sie eine Undercover-Agentin der CIA ist, und was noch schlimmer ist, es wird der Presse zugesteckt. In der ganzen Welt kann man es lesen. Ihre Deckung ist aufgeflogen. Dazu kommt noch der Vorwurf, sie hätte dahinter gesteckt, ihren Mann nach Niger zu schicken. Ab sofort sind sie „fair game“, Freiwild. Der Spießroutenlauf beginnt.
Nun beruhen diese Vorgänge ja auf Tatsachen. Valerie Plame gibt es wirklich, und sie und ihr Mann Joe Wilson sind ein Teil dieses traurigen Abschnitts der amerikanischen Historie. Daran erinnert mich nun der Film immer wieder, indem unentwegt TV-O-Töne eingespielt werden. Ganz kurz nur, vielleicht 30 Sekunden, und schwupps, zurück zur Filmstory. Auch die wird mir mit gefühlten 500 Vidclips mit Unterhaltungsfetzen, Kriegsbildern, Bombenprasseln um die Ohren gehauen. Eine Art cinematographisches Daumenkino (die oft schlunzigen und fahrigen Einstellungen sind vermutlich beabsichtigt, um eine Authentizität der Berichterstattung herzustellen). Dass mich das störte, mag auch daran liegen, dass ich mit all den blitzartig eingeblendeten Herren Regierenden und Intrigierenden namentlich nicht so vertraut bin, und vor allem auch von den Mechanismen der politischen Puzzlelei keinen Dunst hab, also der amerikanischen. Bin ja schließlich schon mit den deutschen Kasperles überfordert.
Alles in Allem ist das kein Film, den ich guten Gewissens empfehlen möchte, und ich vermute auch mal, dass er hier im Lande nicht so der Renner wird. Es sei denn, es finden sich noch mehr solche wie ich, die trotz mancher Bedenken einfach Naomi Watts und Sean Penn gerne bei der Arbeit zusehen. Und die verrichten sie wirklich famos. Watts spielt die Agentin schnörkellos, effizient und glaubhaft. Penn packt mehr Rage in seine Rolle als aufgebrachter Botschafter, der zusehen muss, wie ein unfähiger Präsident einen Krieg anzettelt und sorglose Bürokraten seine Karriere und die seiner Frau ruinieren. Und dass diese Situation der Ehe nicht gut tut, liegt auch auf der Hand.
Nun ist der Ausbruch des Irak-Kriegs gute acht Jahre her. Die Aufdeckung dieser Intrige ist auch nicht neu. Gut, sage ich, dass alles ans Tageslicht kam. Das meiste davon ist tatsächlich so geschehen, einiges ist Fiktion. Unterm Strich kann mir das ja egal sein. Aktuell erinnert mich das an den Hype, der grad durch Wikileaks ins Rollen gebracht wurde. Da nicken wir alle weise mit unseren Häuptern und hatten es doch schon immer gewusst, dass alle Politiker verlogen, verblödet und korrupt sind, und dass auch in diesen Kreisen geklatscht und getratscht und gelästert wird wie in den guten alten Kaffeekränzchen.
Nichts anderes als das lose Mundwerk eines Regierungsbeamten hat letztendlich diese Tragödie erst möglich gemacht. Und sicher viele andere davor und danach.
Wär vielleicht gar nicht so schlecht, den Slogan des 2. Weltkriegs wieder auszugraben:
„Loose lips sink ships.“
PS: Drei bis vier goldene Sterne für Watts und Penn.
Mittwoch, 1. Dezember 2010
Freitag, 12. November 2010
Somewhere
Normalerweise aktivieren Aussagen wie: „Ein leiser, kleiner Film“ sofort meine Würgereflexe. Hier nicht. Und dieser Sofia Coppola-Film IST ein leiser Film. Es wird wenig gesprochen. Und auch wenig gesagt. Es wird so vor sich hin gelebt ohne Ziel, ohne Zweck und ohne erkennbaren Sinn.
Da sind also Johnny Marco (Steven Dorff), ein angesagter Hollywood Beau und einige Menschen, die sein leeres Leben zeitweise bevölkern. Sein Apartment im Hotel Marmont ist eine Art Durchgangsbahnhof. Die Menschen, die er kennt, die ihn kennen – beruflich – kommen und gehen, manchmal sagen sie was, es ist bedeutungslos. Johnnys Leben ist bedeutungslos. Man sieht ihm zu, wie er mit seinem schicken Ferrari im californischen Hinterland mit viel Getöse seine Runden dreht. Man sieht ihm zu, wie er sich damit beschäftigt, vor dem Fernseher zu sitzen und fernzusehen. Wie er sich damit beschäftigt, über den Darbietungen von Pole Dancers, Call Girls und Zufallsbekanntschaften einzuschlafen. Es sieht aus, als schliefe er ein, als man von seinem Gesicht einen Gipsabdruck macht. Die Kamera hält reglos auf seinen gipsvermatschten Kopf. Er ist gefangen, eingemauert, in bedrückender Einsamkeit.
Hier und da trifft er sich mit seinem Stab, die erzählen ihm, wo er hin muss, was er sagen muss, alles kurz und ruhig, und weg ist er wieder. Kein bisschen Hektik.
An einem dieser ereignislosen Tage ist seine elfjährige Tochter Cleo willkommener Besuch. Zum ersten Mal merkt man, dass er sich wirklich für etwas, für jemanden interessiert. Er sitzt hinter der Bande und sieht zu, wie Cleo elegante Figuren auf das Eis kratzt. Man erkennt, dass er sich auf sie einlässt, sich mit ihr beschäftigt, und dass ihm die gähnende Leere seines Alltags eins auf die Zwölf gibt. Die väterlichen Besuchstage weiten sich plötzlich aus, als seine geschiedene Frau Layla das Kind eines Tages bei ihm abstellt und „auf ungewisse Zeit“ verschwindet. Sie „muss mal weg“, sie weiß nicht, wann sie wiederkommt.
Also bindet Johnny Cleo ohne sichtbare oder spürbare Aufregung in sein Leben ein, das dadurch plötzlich Inhalt bekommt. Auch auf der Reise zur italienischen Preisverleihung ist sie dabei. Alles läuft smooth. Sie haben eine gute Zeit miteinander, sie mögen sich. Cleo macht alles mit, Cleo ist cool. Nur einmal bricht ein Tränenschwall aus ihrem kleinen Kindergesicht. Sie vermisst die Mutter und hat Angst, dass sie vielleicht nie wiederkommt.
Cleo wird gespielt von Elle Fanning, der kleinen Schwester von Dakota Fanning aus „I am Sam“. Ein sanftes Kind, ein begabtes Kind. Steven Dorf als Johnny Marco ist mir bisher noch nie aufgefallen, und das gleiche gilt für die Schauspielerin, die Cleos Mutter Layla spielte, deren Namen ich nicht mitbekommen habe.
„Somewhere“ ist kein Film mit besonderen Höhen und Tiefen. Ach doch, vielleicht mit einer Tiefe. Mit dem tiefen Abgrund der Einsamkeit. Er ist auch ein bisschen biografisch. Ich kann mir vorstellen, dass Sofia Coppola - als Tochter des Regisseurs Francis Ford - das Hollywoodleben mit seinem Glitz and Glam von Kindesbeinen an kennt.
Der Film erinnert natürlich an „Lost in Translation“. Einsamkeit auch hier. Das könnte das Thema der Frau Coppola werden. Mir gefällt, wie sie das in Bilder verwandelt. Eindringlich.
Wer Action, Humor, Liebe, Lust und Leidenschaft erwartet, sollte nicht hingehen.
Und sobald das Röhren des Ferrari-Motors verendet, ist es wirklich ein leiser Film.
Da sind also Johnny Marco (Steven Dorff), ein angesagter Hollywood Beau und einige Menschen, die sein leeres Leben zeitweise bevölkern. Sein Apartment im Hotel Marmont ist eine Art Durchgangsbahnhof. Die Menschen, die er kennt, die ihn kennen – beruflich – kommen und gehen, manchmal sagen sie was, es ist bedeutungslos. Johnnys Leben ist bedeutungslos. Man sieht ihm zu, wie er mit seinem schicken Ferrari im californischen Hinterland mit viel Getöse seine Runden dreht. Man sieht ihm zu, wie er sich damit beschäftigt, vor dem Fernseher zu sitzen und fernzusehen. Wie er sich damit beschäftigt, über den Darbietungen von Pole Dancers, Call Girls und Zufallsbekanntschaften einzuschlafen. Es sieht aus, als schliefe er ein, als man von seinem Gesicht einen Gipsabdruck macht. Die Kamera hält reglos auf seinen gipsvermatschten Kopf. Er ist gefangen, eingemauert, in bedrückender Einsamkeit.
Hier und da trifft er sich mit seinem Stab, die erzählen ihm, wo er hin muss, was er sagen muss, alles kurz und ruhig, und weg ist er wieder. Kein bisschen Hektik.
An einem dieser ereignislosen Tage ist seine elfjährige Tochter Cleo willkommener Besuch. Zum ersten Mal merkt man, dass er sich wirklich für etwas, für jemanden interessiert. Er sitzt hinter der Bande und sieht zu, wie Cleo elegante Figuren auf das Eis kratzt. Man erkennt, dass er sich auf sie einlässt, sich mit ihr beschäftigt, und dass ihm die gähnende Leere seines Alltags eins auf die Zwölf gibt. Die väterlichen Besuchstage weiten sich plötzlich aus, als seine geschiedene Frau Layla das Kind eines Tages bei ihm abstellt und „auf ungewisse Zeit“ verschwindet. Sie „muss mal weg“, sie weiß nicht, wann sie wiederkommt.
Also bindet Johnny Cleo ohne sichtbare oder spürbare Aufregung in sein Leben ein, das dadurch plötzlich Inhalt bekommt. Auch auf der Reise zur italienischen Preisverleihung ist sie dabei. Alles läuft smooth. Sie haben eine gute Zeit miteinander, sie mögen sich. Cleo macht alles mit, Cleo ist cool. Nur einmal bricht ein Tränenschwall aus ihrem kleinen Kindergesicht. Sie vermisst die Mutter und hat Angst, dass sie vielleicht nie wiederkommt.
Cleo wird gespielt von Elle Fanning, der kleinen Schwester von Dakota Fanning aus „I am Sam“. Ein sanftes Kind, ein begabtes Kind. Steven Dorf als Johnny Marco ist mir bisher noch nie aufgefallen, und das gleiche gilt für die Schauspielerin, die Cleos Mutter Layla spielte, deren Namen ich nicht mitbekommen habe.
„Somewhere“ ist kein Film mit besonderen Höhen und Tiefen. Ach doch, vielleicht mit einer Tiefe. Mit dem tiefen Abgrund der Einsamkeit. Er ist auch ein bisschen biografisch. Ich kann mir vorstellen, dass Sofia Coppola - als Tochter des Regisseurs Francis Ford - das Hollywoodleben mit seinem Glitz and Glam von Kindesbeinen an kennt.
Der Film erinnert natürlich an „Lost in Translation“. Einsamkeit auch hier. Das könnte das Thema der Frau Coppola werden. Mir gefällt, wie sie das in Bilder verwandelt. Eindringlich.
Wer Action, Humor, Liebe, Lust und Leidenschaft erwartet, sollte nicht hingehen.
Und sobald das Röhren des Ferrari-Motors verendet, ist es wirklich ein leiser Film.
Sonntag, 31. Oktober 2010
Gainsbourg - ein heldisches Leben
Ein Film, den ich mochte. Die Geschichte ist schön erzählt, anschaulich – na gut, muss ja, ist ja Kino. Mir gefällt hier ganz ausdrücklich der Mix von straight Kino und Animation, obwohl ich freiwillig in keinen Animationsfilm gehe.
Als ich noch mitten im Schwärmalter war, kam Gainsbourg grad recht als Objekt meiner Begierde. Nicht nur so schön hässlich, sondern auch skandalös. A bad boy! Weibergeschichten mit dem „who-is-who“ im französischen Show-Zirkus.
Über den Mann Gainsbourg oder seinen Werdegang wusste ich nichts. Heute erfuhr ich etwas über das, was ihn ausmachte, und vielleicht ein bisschen davon, warum er so war wie er war. Sein Leben wird in Episoden erzählt, in denen eine aufgeplusterte Fratze als unsichtbarer Schatten seine Kindheit begleitet, und ein rabenvogelartiger Spinnenmensch mit überdimensionierter Nase und elefantösen Ohren das alter ego seines Erwachsenen-Daseins darstellt. Ein tollkühner „Harvey“, den er Gainsbarre nennt, und der ihm ordentlich Feuer unter dem Hintern macht und zum Draufgängertum anstachelt.
Als Sohn russischer Immigranten lebt er in Paris, muss unter der strengen Aufsicht des Vaters Klavier spielen lernen und sich außerdem vor den Nazis im Wald verstecken. Dass er ein lockeres Mundwerk hat, beweist er früh, als er zur Verteilersteller der deutschen Besatzer geht, um sich als erster seinen Davidsstern abzuholen. Er bietet seine „Beziehungen“ an, um „die Karriere“ eines der Offiziere zu „fördern“.
Er raucht, er säuft, er stellt den Frauen nach. Er schreibt Musik, er ist der Piano man in Bars. Und er malt. Er ist unauffällig verheiratet. Er trifft und liebt Juillette Greco, France Gall, Brigitte Bardot und manche andere. Er heiratet in zweiter oder dritter Ehe Jane Berkin, singt mit ihr das berühmte, und seinerzeit skandalöse „Je t’aime“, das er ursprünglich mal für BB geschrieben und auch mit ihr gesungen hatte. Die wollte aber nicht, dass Gainsbourg das veröffentlichte, denn sie war damals mit Gunther Sachs verheiratet und eine rücksichtsvolle Ehefrau. Also ziemlich rücksichtsvoll, son bisschen rumbubeln mit dem wilden Serge ging ja wohl immer. Auch die Ehe mit Jane geht nicht gut. Sie trennen sich und dann trifft er eines nachts versoffen in einer Bar eine gewisse Bambou, mit der er dann im Weiteren auch verheiratet ist und ein Kind hat.
Der junge Serge wird von einem total unniedlichen und unbekannten Jungen (Kacey Mottet Klein) wunderbar gespielt. Es gefällt mir gut, dass man immer öfter davon absieht, fotogene Zauberkinder vor die Kamera zu zerren. Es gibt wunderbare Musikszenen, und eine gewisse Coco, die dann nicht weiter erwähnt wird, mit der er in einer Kneipe singt, sieht aus, wie ich immer dachte, dass Liz Taylor im Alter aussehen würde, was sie nicht tat. Das mal nur nebenbei.
Für mich ein absolutes highlight war der kurze Auftritt von Joann Sfar, dem Regisseur, als George Brassens, einem Sänger, dessen Musik ich sehr liebe.
Laetitia Casta als Brigitte Bardot gefiel mir gut, Lucy Gordon als Jane Birkin war mir eine Spur zu farblos. (Die Schauspielerin Gordon hat sich im vorigen Jahr das Leben genommen.)
Eric Elmosnino, der den Gainsbourg spielte, war sehr treffend gecastet und einfach großartig.
Der Originaltitel „Gainsbourg – vie héroique“ bedeutet wörtlich „Gainsbourg - heldenhaftes Leben“. Stattdessen in Deutschland wieder so ein Lullititel: „Der Mann, der die Frauen liebte“ blablabla... hätte auch von SAT1 sein können.
Aber dem Film tut’s keinen Abbruch. Eine gut umgesetzte Musiker-Biografie, die der Joann Sfar da erzählt hat. Zwei Stunden sehr schöne Unterhaltung. Hat mir gefallen – vier Daumen hoch.
Als ich noch mitten im Schwärmalter war, kam Gainsbourg grad recht als Objekt meiner Begierde. Nicht nur so schön hässlich, sondern auch skandalös. A bad boy! Weibergeschichten mit dem „who-is-who“ im französischen Show-Zirkus.
Über den Mann Gainsbourg oder seinen Werdegang wusste ich nichts. Heute erfuhr ich etwas über das, was ihn ausmachte, und vielleicht ein bisschen davon, warum er so war wie er war. Sein Leben wird in Episoden erzählt, in denen eine aufgeplusterte Fratze als unsichtbarer Schatten seine Kindheit begleitet, und ein rabenvogelartiger Spinnenmensch mit überdimensionierter Nase und elefantösen Ohren das alter ego seines Erwachsenen-Daseins darstellt. Ein tollkühner „Harvey“, den er Gainsbarre nennt, und der ihm ordentlich Feuer unter dem Hintern macht und zum Draufgängertum anstachelt.
Als Sohn russischer Immigranten lebt er in Paris, muss unter der strengen Aufsicht des Vaters Klavier spielen lernen und sich außerdem vor den Nazis im Wald verstecken. Dass er ein lockeres Mundwerk hat, beweist er früh, als er zur Verteilersteller der deutschen Besatzer geht, um sich als erster seinen Davidsstern abzuholen. Er bietet seine „Beziehungen“ an, um „die Karriere“ eines der Offiziere zu „fördern“.
Er raucht, er säuft, er stellt den Frauen nach. Er schreibt Musik, er ist der Piano man in Bars. Und er malt. Er ist unauffällig verheiratet. Er trifft und liebt Juillette Greco, France Gall, Brigitte Bardot und manche andere. Er heiratet in zweiter oder dritter Ehe Jane Berkin, singt mit ihr das berühmte, und seinerzeit skandalöse „Je t’aime“, das er ursprünglich mal für BB geschrieben und auch mit ihr gesungen hatte. Die wollte aber nicht, dass Gainsbourg das veröffentlichte, denn sie war damals mit Gunther Sachs verheiratet und eine rücksichtsvolle Ehefrau. Also ziemlich rücksichtsvoll, son bisschen rumbubeln mit dem wilden Serge ging ja wohl immer. Auch die Ehe mit Jane geht nicht gut. Sie trennen sich und dann trifft er eines nachts versoffen in einer Bar eine gewisse Bambou, mit der er dann im Weiteren auch verheiratet ist und ein Kind hat.
Der junge Serge wird von einem total unniedlichen und unbekannten Jungen (Kacey Mottet Klein) wunderbar gespielt. Es gefällt mir gut, dass man immer öfter davon absieht, fotogene Zauberkinder vor die Kamera zu zerren. Es gibt wunderbare Musikszenen, und eine gewisse Coco, die dann nicht weiter erwähnt wird, mit der er in einer Kneipe singt, sieht aus, wie ich immer dachte, dass Liz Taylor im Alter aussehen würde, was sie nicht tat. Das mal nur nebenbei.
Für mich ein absolutes highlight war der kurze Auftritt von Joann Sfar, dem Regisseur, als George Brassens, einem Sänger, dessen Musik ich sehr liebe.
Laetitia Casta als Brigitte Bardot gefiel mir gut, Lucy Gordon als Jane Birkin war mir eine Spur zu farblos. (Die Schauspielerin Gordon hat sich im vorigen Jahr das Leben genommen.)
Eric Elmosnino, der den Gainsbourg spielte, war sehr treffend gecastet und einfach großartig.
Der Originaltitel „Gainsbourg – vie héroique“ bedeutet wörtlich „Gainsbourg - heldenhaftes Leben“. Stattdessen in Deutschland wieder so ein Lullititel: „Der Mann, der die Frauen liebte“ blablabla... hätte auch von SAT1 sein können.
Aber dem Film tut’s keinen Abbruch. Eine gut umgesetzte Musiker-Biografie, die der Joann Sfar da erzählt hat. Zwei Stunden sehr schöne Unterhaltung. Hat mir gefallen – vier Daumen hoch.
Donnerstag, 14. Oktober 2010
Körperteile
Eines meiner Lieblingsthemen in den letzten Jahren ist die Entsorgung sterblicher Überreste. Hauptsächlich meiner. Über andere habe ich ja nicht zu entscheiden. Aber selbst wenn ich da gewisse Vorkehrung treffe und die per Patientenverfügung für die Nachwelt hinterlasse – eine Garantie, dass es so gemacht werden wird, gibt es nicht.
Das liegt vor allem an den Bedenkenträgern, den Ethikern, den Klerikern, den Juristen. Und auch an Oma Krause und Tante Käte, die son Schweinkram von vorne herein ablehnen. Besonders, wenn es sich um meine Oma Krause und Tante Käte handelt. Das ist hypothetisch jetzt. Oma und Tante weilen nicht mehr unter den Lebenden, aber ich weiß, dass sie strikt gegen solche „Abartigkeit“ waren.
Die Bedenken kann auch ich nicht so einfach vom Tisch zu wischen, denn wer möchte schon auf einer Metallplatte wach werden und feststellen, dass plötzlich lebensnotwendige Sachen fehlen. Die Augen, die Lungen oder gar das Herz. Gut, in dem Falle würde man nicht mehr aufwachen. Aber ohne die anderen Innereien könnte man erst mal wieder wach werden.
Was für ein Horrorszenario: Die Ärzte könnten sich geirrt haben. Ein überarbeiteter Notarzt zum Beispiel, der schon seit 20 Stunden Dienst schiebt, erklärt dich für tot, die Dokumente sind ausgefüllt. Du bist amtlich mausetot. Du hast einen Organspenderausweis. Du standest zur Zeit deines Ablebens voll im Saft. Alle Organe funktionierten. Und als du den Organspenderausweis unterschrieben hast, dachtest du doch nie im Leben daran, dass man dich so bald deiner Ersatzteile erleichtern würde.
Da liegst du also dann auf dem Tisch. Die Nieren sind weg. Für den Rest hatte man noch keine Zeit. Aber die Nieren sitzen schon in einem anderen Körper. Was nun? Dem anderen kann man sie schlecht wieder wegnehmen. Also kommst du an Schläuche. Und das ist doch genau das, was du nie wolltest. Deshalb hattest du eine umfangreiche Patientenverfügung unterschrieben. Und was dann? Wartest du auf neue Nieren, für die dann auch erst wieder einer sterben muß. Und hoffentlich sind es dann auch frische Nieren, und nicht alte Schrumpelnieren von einem Seniorenheimbewohner.
Das geht doch nicht?
Und wie das geht. Es gibt nämlich keine Altersbegrenzung im Organspendenwesen. Die Ärzte sprechen Empfehlungen aus, wenn sie den Patienten beim Ausfüllen der Papiere helfen. Beziehungsweise, raten gleich davon ab, wenn der Gesamtzustand des Spenders schon fortgeschrittenen Verfall der inneren Organe andeutet. Hilft ja keinem, wenn da einer seine verfettete Leber oder seine verquarzten Lungen spenden will. Außer Augen. Augen gehen immer, auch von ganz alten Greisen. Vorausgesetzt, sie sind nicht vom grünen Star befallen oder blind. Die Innenohrknöchelchen von betagten Menschen sind auch noch verwertbar. Immer vorausgesetzt, sie funktionieren noch, anders wär ja blöd.
All die anderen Sachen: Herz, Lunge, Leber, Nieren von Menschen weit über 70 sind einfach nicht mehr verwertbar. Auch die Gebärmütter von Fifty-Somethings scheiden aus. Da ist das Verwertbarkeitsdatum deutlich überschritten.
Eine allgemeingültige Grenze nach oben gibt es offiziell nicht. Hier endlich findet die Volksweisheit : “Man ist so alt wie man sich fühlt“ mal die passende und würdige Anwendung. Und die Ärzte bestätigen: das biologische Alter spielt eine wichtige Rolle. Nur weil ein Mensch 70 ist, muss das nicht bedeuten, dass seine Organe nicht mehr verwertbar sind. Und wenn es auch nur für kurze Zeit ist, eine Übergangslösung, bis für den Empfänger ein jüngeres, besseres Ersatzeil zur Verfügung steht.
Außerdem werden inzwischen nicht nur die üblichen Verdächtigen, also Herz, Lunge, Leber und Nieren transplantiert, sondern auch Darmstrecken, Milzen, Hände, Füße und ganze Gesichter. Augen und Ohrteile erwähnte ich schon. Im Grunde könnte man ganze Menschen verpflanzen. Im Umkehrschluss hieße das doch auch, dass man dem alten Menschen alle paar Jahre ein paar frische Organe einpflanzen könnte, und schwupps, der Opa könnte glatt seine Enkel überleben. Oder er ist ein bedeutender Künstler, Autor, Forscher oder sonst was ganz Wichtiges und sollte der Menschheit erhalten bleiben. Müsste doch gehen. Wo man inzwischen Menschen einfrieren kann. Das ewige Leben - alles für die Forschung.
Ob Christian Barnard überrascht war von der Entwicklung der Transplantation, nachdem er 1967 das erste Herz verpflanzte? Der Empfänger lebte dann nur 18 Tage, aber allein, dass er überhaupt überlebte, war doch ein Wunder. Diesem Thema werde ich gesondert nachgehen.
Ich jedenfalls habe trotz der einen oder anderen Bedenken einen Organspenderausweis. Aber im Notfall könnte ich den auch vorher noch ganz schnell aufessen.
Das liegt vor allem an den Bedenkenträgern, den Ethikern, den Klerikern, den Juristen. Und auch an Oma Krause und Tante Käte, die son Schweinkram von vorne herein ablehnen. Besonders, wenn es sich um meine Oma Krause und Tante Käte handelt. Das ist hypothetisch jetzt. Oma und Tante weilen nicht mehr unter den Lebenden, aber ich weiß, dass sie strikt gegen solche „Abartigkeit“ waren.
Die Bedenken kann auch ich nicht so einfach vom Tisch zu wischen, denn wer möchte schon auf einer Metallplatte wach werden und feststellen, dass plötzlich lebensnotwendige Sachen fehlen. Die Augen, die Lungen oder gar das Herz. Gut, in dem Falle würde man nicht mehr aufwachen. Aber ohne die anderen Innereien könnte man erst mal wieder wach werden.
Was für ein Horrorszenario: Die Ärzte könnten sich geirrt haben. Ein überarbeiteter Notarzt zum Beispiel, der schon seit 20 Stunden Dienst schiebt, erklärt dich für tot, die Dokumente sind ausgefüllt. Du bist amtlich mausetot. Du hast einen Organspenderausweis. Du standest zur Zeit deines Ablebens voll im Saft. Alle Organe funktionierten. Und als du den Organspenderausweis unterschrieben hast, dachtest du doch nie im Leben daran, dass man dich so bald deiner Ersatzteile erleichtern würde.
Da liegst du also dann auf dem Tisch. Die Nieren sind weg. Für den Rest hatte man noch keine Zeit. Aber die Nieren sitzen schon in einem anderen Körper. Was nun? Dem anderen kann man sie schlecht wieder wegnehmen. Also kommst du an Schläuche. Und das ist doch genau das, was du nie wolltest. Deshalb hattest du eine umfangreiche Patientenverfügung unterschrieben. Und was dann? Wartest du auf neue Nieren, für die dann auch erst wieder einer sterben muß. Und hoffentlich sind es dann auch frische Nieren, und nicht alte Schrumpelnieren von einem Seniorenheimbewohner.
Das geht doch nicht?
Und wie das geht. Es gibt nämlich keine Altersbegrenzung im Organspendenwesen. Die Ärzte sprechen Empfehlungen aus, wenn sie den Patienten beim Ausfüllen der Papiere helfen. Beziehungsweise, raten gleich davon ab, wenn der Gesamtzustand des Spenders schon fortgeschrittenen Verfall der inneren Organe andeutet. Hilft ja keinem, wenn da einer seine verfettete Leber oder seine verquarzten Lungen spenden will. Außer Augen. Augen gehen immer, auch von ganz alten Greisen. Vorausgesetzt, sie sind nicht vom grünen Star befallen oder blind. Die Innenohrknöchelchen von betagten Menschen sind auch noch verwertbar. Immer vorausgesetzt, sie funktionieren noch, anders wär ja blöd.
All die anderen Sachen: Herz, Lunge, Leber, Nieren von Menschen weit über 70 sind einfach nicht mehr verwertbar. Auch die Gebärmütter von Fifty-Somethings scheiden aus. Da ist das Verwertbarkeitsdatum deutlich überschritten.
Eine allgemeingültige Grenze nach oben gibt es offiziell nicht. Hier endlich findet die Volksweisheit : “Man ist so alt wie man sich fühlt“ mal die passende und würdige Anwendung. Und die Ärzte bestätigen: das biologische Alter spielt eine wichtige Rolle. Nur weil ein Mensch 70 ist, muss das nicht bedeuten, dass seine Organe nicht mehr verwertbar sind. Und wenn es auch nur für kurze Zeit ist, eine Übergangslösung, bis für den Empfänger ein jüngeres, besseres Ersatzeil zur Verfügung steht.
Außerdem werden inzwischen nicht nur die üblichen Verdächtigen, also Herz, Lunge, Leber und Nieren transplantiert, sondern auch Darmstrecken, Milzen, Hände, Füße und ganze Gesichter. Augen und Ohrteile erwähnte ich schon. Im Grunde könnte man ganze Menschen verpflanzen. Im Umkehrschluss hieße das doch auch, dass man dem alten Menschen alle paar Jahre ein paar frische Organe einpflanzen könnte, und schwupps, der Opa könnte glatt seine Enkel überleben. Oder er ist ein bedeutender Künstler, Autor, Forscher oder sonst was ganz Wichtiges und sollte der Menschheit erhalten bleiben. Müsste doch gehen. Wo man inzwischen Menschen einfrieren kann. Das ewige Leben - alles für die Forschung.
Ob Christian Barnard überrascht war von der Entwicklung der Transplantation, nachdem er 1967 das erste Herz verpflanzte? Der Empfänger lebte dann nur 18 Tage, aber allein, dass er überhaupt überlebte, war doch ein Wunder. Diesem Thema werde ich gesondert nachgehen.
Ich jedenfalls habe trotz der einen oder anderen Bedenken einen Organspenderausweis. Aber im Notfall könnte ich den auch vorher noch ganz schnell aufessen.
Samstag, 18. September 2010
Meine kleine Retro-Show
Es ist ja nicht so, als hätt ich nix zu tun: ich hab Stapel, die mich bis Neujahr oder Ostern 24/7 in Atem halten werden.
Aber heute brauchte ich dringend eine Sicherheitsnadel... ich möchte da nicht weiter drüber sprechen. Gefunden hab ich alles, was etwas größer war. Dabei brach dann plötzlich ein sehr heftiger Nostalgieschub aus, und der ist noch nicht vorbei. Ich fand dieses (Jg. 1984), funzt noch, und die tapes, die dabei lagen, ja, die auch.

Danach fand ich dann das, von noch früher:

und das hab ich live gesehen, möglicherweise das erste public viewing im JFK-Airport!
Darunter lagen diese zwei Hefte:

da sahen wir alle so aus:

und trugen sowas:

Die gabs damals schon in the US of A:

Das hier alles war NEW and HOT in den Siebzigern!

das auch! Das wollte JEDER!

Kennt Ihr die noch? O.J., Dolly Parton, Farrah Fawcett, etc...?

Hätte noch etwa ein Dutzend mehr, aber was ich nicht hab, ist die Zeit dafür. Vielleicht beim nächsten Nostalgie-Schub. So in dreißig Jahren etwa.
Ach, bis dahin ist das Internet überholt, oder tot. Und ich erst recht!
Bis dahin, liebe Nachwelt, habt Spaß.
Aber heute brauchte ich dringend eine Sicherheitsnadel... ich möchte da nicht weiter drüber sprechen. Gefunden hab ich alles, was etwas größer war. Dabei brach dann plötzlich ein sehr heftiger Nostalgieschub aus, und der ist noch nicht vorbei. Ich fand dieses (Jg. 1984), funzt noch, und die tapes, die dabei lagen, ja, die auch.

Danach fand ich dann das, von noch früher:

und das hab ich live gesehen, möglicherweise das erste public viewing im JFK-Airport!
Darunter lagen diese zwei Hefte:

da sahen wir alle so aus:

und trugen sowas:

Die gabs damals schon in the US of A:

Das hier alles war NEW and HOT in den Siebzigern!

das auch! Das wollte JEDER!

Kennt Ihr die noch? O.J., Dolly Parton, Farrah Fawcett, etc...?

Hätte noch etwa ein Dutzend mehr, aber was ich nicht hab, ist die Zeit dafür. Vielleicht beim nächsten Nostalgie-Schub. So in dreißig Jahren etwa.
Ach, bis dahin ist das Internet überholt, oder tot. Und ich erst recht!
Bis dahin, liebe Nachwelt, habt Spaß.
Mittwoch, 1. September 2010
Eier von katholischen Nonnen
Normalerweise würde hier jetzt eine muntere kleine Besprechung des Films "Mary & Max" stehen. Aber es gibt schon so viele, und zum Inhalt könnte ich jetzt gar nichts Neues mehr beitragen.
Stattdessen geb ich gern ein paar Randnotizen, Textbröckchen, Bildchen, zum Besten, weil sie dem Film den kleinen Extrakick geben.
Dass es keinerlei Dialoge in dem Film gibt, dessen Darsteller alle aus Ton geformt sind, hat mich am Anfang etwas gestört, aber an den Moderator hatte ich mich schnell gewöhnt. Allerdings wünschte ich mir, ich hätte die Originalversion gesehen, weil ich nur zu gern die Stimmen von Philip Seymour Hoffmann und Toni Colette gehört hätte, wie sie die Briefe vorlasen.
Denn so wird die Geschichte transportiert: durch das Verlesen von Briefen, gleichzeitig von den Knetfigürchen bespielt.
"Mary & Max", die ungleichen und doch so ähnlichen Brieffreunde – sie – jung - in Australien, er – alt - in New York – erzählen und tauschen aus, was ihnen so Alltägliches und Außergewöhnliches passiert. Sie plätschert ganz harmlos dahin, diese Korrespondenz, und dann entdecke ich immer wieder liebevolle kleine Seitenhiebe, Original-Quotes, Hinweise auf Schauspieler, Regisseure und Schnipsel aus dem wirklichen und echten Filmschaffen.
Die Knetmasse macht es möglich, die unverkennbaren Züge der Gesichter von Woody Allen, Alfred Hitchcock und John Travolta in Nebenfiguren zu karrikieren.
Szenen, die mir vom „richtigen“ Kino in Erinnerung blieben, hier seh ich sie wieder: die Fotowand aus „One Hour Photo“ besteht hier nun aus Briefen, die Mary an Max schickte... kurz eingeblendet: „Katz Delicatessen“... ein bisschen „Stadtneurotiker“-Feeling.... ein bisschen „Peanuts“-Feeling. Und als später Marys hübscher Ehemann Damien mit der Schmachtlocke sich in einen Schäfer auf Neuseeland verliebt und sie verlässt, da weiß ich doch: „Brokeback Mountain“ lässt grüßen.
Max und Mary stellen und beantworten gewissenhaft alle Fragen, und ich bin gar nicht überrascht, als Max eine Erklärung bereit hat für Marys Anliegen: „Wo kommen die Babys wirklich her, meine Mama sagt, sie steigen aus Biergläsern auf“ da antwortet er: „ In Amerika werden die Babys nicht in Cola-Dosen gefunden. Ich hab meine Mutter mal gefragt, als ich vier war, und sie sagte, Babys schlüpfen aus Eiern, die von Rabbis gelegt werden. Wenn du nicht jüdisch bist, werden sie von katholischen Nonnen gelegt. Wenn du Atheist bist, von dreckigen, einsamen Prostituierten.“
Mary fragt auch Sachen wie: „Schrumpfen Schafe wenn es regnet? – Bekommen Gänse auch Gänsehaut? Kann ein Fisch unter Wasser rauchen?“ Und Max weiß: „Fische rauchen nicht unter Wasser, denn sie haben gar keine Taschen für die Feuerzeuge“. So isses doch.
Als passionierte Worterfinderin, die ich bin, ist Max bei mir genau richtig mit Kreationen wie „confuzzled“ denn es merkt doch wohl jeder, dass er „confused“ und „puzzled“ endlich vereint hat, und „snow“ und „dirt“ konnte er kaum besser einschmelzen als auf „snirt“ .
Und dann hat mir noch gefallen, dass diese Figuren nicht niedlich sind, nicht überschön. Ihre Hässlichkeit gehört zum Thema, ist Thema. Und die Hässlichkeit der Habitate ebenfalls. Mary und Max sind unter all den Katastrophen doch irgendwie innen schön.
Ach ja, es ist gar kein Kinderfilm, wie ich dachte, als ich noch etwas zögerlich das „Cinenova“ in Köln-Ehrenfeld betrat. Geht ruhig hin, unterhaltsame 92 Minuten.
Vom Inhalt wollte ich nichts erzählen, und vom Ende erst recht nicht. Ein Schlusswort hab ich dann doch, es stammt vom Stein auf dem Grab von Marys Mutter, der Säuferin Vera:
„Always merry
killed by Sherry“
Stattdessen geb ich gern ein paar Randnotizen, Textbröckchen, Bildchen, zum Besten, weil sie dem Film den kleinen Extrakick geben.
Dass es keinerlei Dialoge in dem Film gibt, dessen Darsteller alle aus Ton geformt sind, hat mich am Anfang etwas gestört, aber an den Moderator hatte ich mich schnell gewöhnt. Allerdings wünschte ich mir, ich hätte die Originalversion gesehen, weil ich nur zu gern die Stimmen von Philip Seymour Hoffmann und Toni Colette gehört hätte, wie sie die Briefe vorlasen.
Denn so wird die Geschichte transportiert: durch das Verlesen von Briefen, gleichzeitig von den Knetfigürchen bespielt.
"Mary & Max", die ungleichen und doch so ähnlichen Brieffreunde – sie – jung - in Australien, er – alt - in New York – erzählen und tauschen aus, was ihnen so Alltägliches und Außergewöhnliches passiert. Sie plätschert ganz harmlos dahin, diese Korrespondenz, und dann entdecke ich immer wieder liebevolle kleine Seitenhiebe, Original-Quotes, Hinweise auf Schauspieler, Regisseure und Schnipsel aus dem wirklichen und echten Filmschaffen.
Die Knetmasse macht es möglich, die unverkennbaren Züge der Gesichter von Woody Allen, Alfred Hitchcock und John Travolta in Nebenfiguren zu karrikieren.
Szenen, die mir vom „richtigen“ Kino in Erinnerung blieben, hier seh ich sie wieder: die Fotowand aus „One Hour Photo“ besteht hier nun aus Briefen, die Mary an Max schickte... kurz eingeblendet: „Katz Delicatessen“... ein bisschen „Stadtneurotiker“-Feeling.... ein bisschen „Peanuts“-Feeling. Und als später Marys hübscher Ehemann Damien mit der Schmachtlocke sich in einen Schäfer auf Neuseeland verliebt und sie verlässt, da weiß ich doch: „Brokeback Mountain“ lässt grüßen.
Max und Mary stellen und beantworten gewissenhaft alle Fragen, und ich bin gar nicht überrascht, als Max eine Erklärung bereit hat für Marys Anliegen: „Wo kommen die Babys wirklich her, meine Mama sagt, sie steigen aus Biergläsern auf“ da antwortet er: „ In Amerika werden die Babys nicht in Cola-Dosen gefunden. Ich hab meine Mutter mal gefragt, als ich vier war, und sie sagte, Babys schlüpfen aus Eiern, die von Rabbis gelegt werden. Wenn du nicht jüdisch bist, werden sie von katholischen Nonnen gelegt. Wenn du Atheist bist, von dreckigen, einsamen Prostituierten.“
Mary fragt auch Sachen wie: „Schrumpfen Schafe wenn es regnet? – Bekommen Gänse auch Gänsehaut? Kann ein Fisch unter Wasser rauchen?“ Und Max weiß: „Fische rauchen nicht unter Wasser, denn sie haben gar keine Taschen für die Feuerzeuge“. So isses doch.
Als passionierte Worterfinderin, die ich bin, ist Max bei mir genau richtig mit Kreationen wie „confuzzled“ denn es merkt doch wohl jeder, dass er „confused“ und „puzzled“ endlich vereint hat, und „snow“ und „dirt“ konnte er kaum besser einschmelzen als auf „snirt“ .
Und dann hat mir noch gefallen, dass diese Figuren nicht niedlich sind, nicht überschön. Ihre Hässlichkeit gehört zum Thema, ist Thema. Und die Hässlichkeit der Habitate ebenfalls. Mary und Max sind unter all den Katastrophen doch irgendwie innen schön.
Ach ja, es ist gar kein Kinderfilm, wie ich dachte, als ich noch etwas zögerlich das „Cinenova“ in Köln-Ehrenfeld betrat. Geht ruhig hin, unterhaltsame 92 Minuten.
Vom Inhalt wollte ich nichts erzählen, und vom Ende erst recht nicht. Ein Schlusswort hab ich dann doch, es stammt vom Stein auf dem Grab von Marys Mutter, der Säuferin Vera:
„Always merry
killed by Sherry“
Abonnieren
Posts (Atom)