Sonntag, 20. Oktober 2013

Behind the Candelabra - Zuviel des Guten ist wundervoll

Der Inhalt – gebündelt. „Liberace – Behind the Candelabra“, so heißt dieses Bio-Pic im Original, das in Deutschland unter dem Namen „Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll“ angelaufen ist. Ein umständlicher Titel, aber nicht abwegig. Der Film behandelt im Wesentlichen die fünf Jahre seiner Beziehung mit dem jungen Tierpfleger Scott Thorson (Matt Damon) und basiert auf dem Buch „My life with Liberace“, das Thorson über diese Zeit geschrieben hat. Als Liberace, genannt Lee, zufällig den 17jährigen Scott kennenlernt, verliebt sich der 30 Jahre ältere sofort in das schüchterne, hübsche Kerlchen. Scott bekommt eine volle Breitseite des überaus extravaganten Lebensstils des Pianisten. Scott ist glücklich, Lee ist glücklich. Lee kann dem Jungen alles und mehr bieten, wovon der je geträumt haben mag. Genau, zuviel des Guten ist eben wundervoll. Scott wird mitgerissen in den Strudel von Prunk, Pomp, Protz und Bombast. Er erlebt den liebevollen, fürsorglichen und den zickigen Lee. Sie leben zwischen überbordendem Privatleben und grandiosen Auftritten, zwischen Champangner und Drogen. Alles geht. Und wenn man grad mal denkt, mehr geht nicht, dann geht doch noch was, und mehr, und mehr. Irgendwann ist aber auch Scott, der sein Gesicht auf Lees Wunsch liberacesk herrichten ließ, bedient. Sie zoffen sich wie die Kesselflicker, und der mit dem Geld hat das Sagen. Und das letzte Wort. Es kommt zur Trennung. Es folgt eine Klage, in der es um eine Abfindung für Scott (palimony bei unverheirateten Lebenspartnern) in Millionenhöhe geht, die der Stärkere, der Reichere, der Mächtigere gewinnt. Wie auch sonst? Unter diesen Umständen kann der Film auch nur ein trauriges Ende haben. Allerdings gibt es auch eine nicht zu unterschätzende, versöhnliche Note. Schöner Film. Spannender Film. Wundervoll bunt, exzentrisch und manchmal auch ein bisschen hysterisch. Hingehen. Steven Soderbergh ging betteln Es grenzt an ein Wunder, dass es diesen Film überhaupt gibt. Hollywood zögert nach wie vor, das „heiße Eisen“ Homosexualität anzupacken, und so fand sich auch lange kein Studio, das dieses Risiko eingehen wollte. Es ging nur um fünf Millionen Dollar, vergleichsweise low budget. „Zu gay“, sagten die Studiofürsten: „Wir wissen nicht, wie wir den vermarkten sollen.“ Eigentlich unverständlich, nachdem doch „Brokeback Mountain“ ein Riesenerfolg war. Und der war nicht mal witzig. Vielleicht passt es nicht in die gegenwärtig so kontrovers geführte Diskussion über same-sex-marriages, die erst in 13 von 50 Staaten legal sind. Wir haben es Herrn Soderberghs Anstrengungen und dem Pay-TV Sender HBO (der uns auch „Boardwalk Empire“, „The Newsroom“ und „Six Feet Under“ bescherte) zu verdanken, dass dieser Film doch noch gedreht wurde. Wer war Liberace? Der Mann, der Valentino Liberace hieß und unter dem Namen „Liberace“ bekannt wurde, war Sohn eines italienischen Einwanderers. Er war ein musikalisches Wunderkind, das schon im Alter von sechs Jahren klassische Werke auswendig spielte. Mit 12 war er Solist beim Chicago Symphony Orchestra, später studierte er Musik. Er trat hin und wieder öffentlich auf. Das Fernsehen wurde auf ihn aufmerksam und er bekam seine eigene Fernsehshow. Nach etwas zähem Beginn bekam er ein Engagement in Las Vegas. Damals fing er damit an, seine Auftritte flashy, prunkig und bombastisch zu zelebrieren. Seine reich verzierten Konzertflügel schmückte er seitdem immer mit protzigen Kandelabern. Liberace war vermutlich Vorbild für einige Künstler des showbiz, aber selbst Prince, Jackson, Moshammer oder Glööckler scheinen Waisenkinder im Vergleich. Liberace war eher der König Ludwig des Entertainment. Kennt man hierzulande diesen Liberace eigentlich noch, oder hat ihn je gekannt? Vielleicht die über 40jährigen. Und auch die nur vom Hörensagen. Aber wahrscheinlich eher nicht. In Kommentaren der US-Medien wurde er meistens lächerlich gemacht („Aber er hat seine Mami sehr lieb“) und seine Beteuerungen, nicht schwul zu sein, wurden mit vielsagendem Lächeln bedacht. Oscarwürdige Darsteller – Maske und Ausstattung. Die Maske hat Wunder vollbracht, als sie den 42jährigen Matt Damon (der mir gut gefiel in seiner Rolle) auf den 17jährigen Hänfling Scott zurechtmachte. Michael Douglas gibt einen außerordentlich glaubhaften Lee. Sehr dezent schwul in Gestik und Mimik, denn es galt ja damals, den prüden amerikanischen Fans seine wahre sexuelle Orientierung zu verheimlichen. Liberace hatte seinerzeit jeden, der öffentlich über seine Homosexualität spekulierte, sofort verklagt und immer gewonnen. Generell gibt es viel schöne Musik, teilweise original Playbacks. Die Ausstattung ist an Glamour kaum zu überbieten. Übrigens hat Douglas einige der Musiknummern selbst gespielt (und sehr viel dafür geübt, wie er gestand). Außer Douglas und Damon spielen auch Dan Aykroyd, Debbie Reynolds, Rob Lowe und Scott Bakula mit. Ich mochte den Film und empfehle ihn als sehr gute Unterhaltung. Amüsant und ohne Slapstick, lustig und heiter, ohne platt zu sein. Von mir 5 von 5 Punkten. Ach ja – und Oscars für alle!

Freitag, 26. Juli 2013

Killing Season - Travolta und DeNiro - not a match made in heaven

Wer meine Ausführungen zu diesem Werk lesen möchte, kann das hier http://wp.me/p1lB0w-4XN Demnächst poste ich hier wieder eine komplette Besprechung.

Mittwoch, 17. Juli 2013

"The Heat" (Taffe Mädels) - Aus meiner lockeren Reihe: Sommerlochkino

Gibt es eigentlich eine geheime Absprache in der Industrie, jedes Jahr ein Sammelsurium an Filmen zu produzieren, die im Sommerloch wahllos auf den Markt geschmissen werden? Wenn es ganz besonders heiß ist, flüchte ich gern mal in einen klimatisierten Kinosaal, wo es ja auch bequeme Sessel gibt, in dem ich gemütlich mein Döschen Prosecco schlürfen kann. Nachdem ich location und Uhrzeit nach meinen Wünschen koordinierte hatte, war ich in „The Heat“, Regie Paul Feig („Taffe Mädels“, ein Hoch auf den deutschen Titeldichter) gelandet. Eine Komödie. Melissa McCarthy, die ich gern mag, (bekannt als Sookie aus „Gilmore Girls“ und „Brides Maids“) spielt die ordinäre und sehr unkonventionelle Mullins, die Cop (muss ich jetzt Coppin sagen?) in Boston ist. Dazu kommt Sandra Bullock als Ashburn, Special Agent des FBI, verklemmt bis dorthinaus, aber mit hochkarätiger Ausdrucksweise, wohingegen Mullins mit gefühlten 179 Variationen von fuck, fucker und motherfucker das sprachliche Niveau entscheidend beeinflusst. Mullins droht gern mit „Ich schieß dir in die Eier“ als ultimative Bestrafung. Mit großer Überzeugungskraft, übrigens. Die Beiden werden von ihren jeweiligen Diensstellen dazu verdonnert, zusammenzuarbeiten. Ashburn wird bei Erfolg eine Beförderung in Aussicht gestellt. Man sollte jetzt nicht erwarten, dass die derbe Mullins jemals polizeiliches Prozedere beachtet, aber auch die überkorrekte Ashburn hat so ihre Momente. Die eigentliche Aufgabe der beiden ist, einen Drogenlord und seine Helferlein einzufangen, festzunehmen und zu verhören. Und nun tauchen etwa ein Dutzend mehr oder minder farbenfrohe und sprachlich ausdrucksstarke Herren auf, die sich aufgrund ihres nicht enden wollenden Vorrats an Schusswaffen und knallharten Fäusten dem Einfangen und Festnehmen und Verhören immer wieder entziehen. Aber das Team Mullins und Ashburn, beide ja keine Schluffis, groovt sich so langsam ein und kooperiert miteinander. Das führt dann zu stand-offs, die aussehen wie ein Bild im Bild im Bild des Bildes. Inzwischen lockert sich Ashburns Stock im Arsch, und als Mullins sie dann in einer Kneipe unter Alkohol setzt, kommt die wirklich lustigste Szene des Films: die beiden tanzen quasi synchron zu extrem lauten girl rap. Wo Ashburn allein agiert (ehemaliges Heimkind), sehen (und vor allem hören) wir immer wieder Mullins’ sehr zahlreiche und lautstarke Familie. Wir wissen ja alle, wie solche Filme enden: großer show down, die guten fangen die Bösen, und Mullins macht dann doch tatsächlich ihre Drohung wahr, und schießt einem Bösewicht in die Eier. Ansehen muss man sich das alles nicht. Ich bin geblieben, weils grad so schön kühl und gemütlich war. Aber wenn sich Bullock oder McCarthy Fans trotzdem trauen: nehmt vorsichtshalber ne Ladung Ohropax mit! Und ne Ladung Prosecco. Oder Schmerztabletten. Zwei von fünf Sternen auf meiner persönlichen Richterscala. **

Montag, 15. Juli 2013

The King's Speech

Kann man einen Film, der von 1925 bis 1937 spielt, schon einen Kostümfilm nenne? Ganz bestimmt, wenn als Kulisse die prächtigen Wohnsitze der britischen Royals im Spiel sind. Eigentlich bin ich nicht so scharf auf Kostümfilme. Oder Historienschinken. Aber der hier ist ganz anders. Es geht um den späteren König George VI, ehemals Albert „Bertie“ (Colin Firth), den zweitgeborenen Sohn von George V, der 1936 starb. Eigentlich sollte Edward die Regentschaft übernehmen, aber da stand Wallis Simpson, eine geschiedene Amerikanerin, im Weg. Wer kennt diese melodramatische Romanze nicht! Bertie hingegen war glücklich verheiratet mit Elizabeth (Helena Bonham Carter) und hatte zwei Töchter, Margaret und Elizabeth (die inzwischen immmer noch amtierende Königin von England). Und Bertie war ein Stotterer. Es war die Zeit, als das Radio anfing, eine wichtige Rolle im Leben der Menschen zu spielen. Das Königshaus nutzte die neue Technik für Ansprachen ans Volk. Für einen Stotterer ein Desaster. Herkömmliche Maßnahmen, wie Demosthenes bei Sprechübungen Murmeln in den Mund zu packen, erweisen sich als nutzlos. Berties Frau findet einen gescheiterten australischen Schauspieler, Lionel Logue (Geoffrey Rush), der in England Sprachtherapie praktiziert. Bertie wird Patient/Schüler von Mr. Logue, dem Logopäden. Logue ist unzeremoniell und direkt, ihm ist es wurscht, wer sein Kunde ist. Er arbeitet nicht außer Haus und besteht darauf, dass Bertie in sein Haus kommt. Als er ihm dann noch vorschlägt, sich bei ihren Vornamen zu nennen, verschlägt es Bertie die ohnehin wackelige Sprache. Auch wenn es lange so aussieht, als sei Bertie ein hoffnungsloser Fall, lässt Lionel Logue nicht locker. Der unkonventionelle, etwas heruntergekommene Lionel und der zurückhaltende Bertie, gefangen in seinem royalen Korsett, lernen sich zu akzeptieren und erfolgreich miteinander zu arbeiten. Ein Höhepunkt in der Historie und ein persönlicher Erfolg für Bertie (und Logue auch) ist die Rundfunkansprache an seine Untertanen, als er Hitler den Krieg erklärt. Diese Rede, so dramatisch der Inhalt, langsam, leicht stockend vorgetragen, haben mir tatsächlich Tränen in die Augen getrieben. Mein absoluter Favorit für den Oscar für eine männliche Hauptrolle: Colin Firth. Für die männliche Nebenrolle: Geoffrey Rush. Please, dear „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“, pretty please! *** ...und wenigstens ein Wunsch ging in Erfüllung. ...und eigentlich sollte man sich wirklich die Originalversion ansehen. Und HÖREN!

Sonntag, 7. Oktober 2012

"Liebe" ein Film von Michael Haneke

Es ist nicht die Pflicht, es ist Liebe. Es ist nicht die Verantwortung, es ist Liebe. Es ist keine Bürde, es ist Liebe. Es ist die Seele. Da wohnt die Liebe. Ist es nicht absurd für eine wie mich, die Religionen, Gottheiten und Anbetungen jeder Art ablehnt, gerade an so etwas ebenfalls Unsichtbares wie Seele und Liebe zu glauben? Ich habe den Film vom Lieben und Sterben von Michael Haneke gesehen. „Liebe“. Der hat mich überwältigt. Das gelingt nicht vielen Filmen. Bei „Funny Games“ , „Die Klavierspielerin“, „Das weiße Band“ und jetzt eben „Amour“ war das so, aber in einer anderen Weise. Wenige Tage vorher hatte ich „Late Bloomers“ (von Julie Gavras, der Tochter des bekannten Costa) gesehen, und ich war etwas enttäuscht. Wie das oft so ist, wenn man hohe Erwartungen hat. Rosselini und Hurt mimten das sixty-something Ehepaar, das sich mit der (unwillkommenen) Hilfe ihrer drei erwachsenen Kinder auf „das Alter“ vorbereiten will. Diesen Film will ich ja hier gar nicht besprechen, nur soviel: Klischees wo man stand und ging. Eine hollywoodeske „sind wir nicht alle im gleichen Boot“ Märchenstunde über das Altwerden und das Töpfern und „sich ehrenamtlich einbringen“, mit schwachen Leistungen der beiden von mir sonst sehr geschätzten Darsteller. Nun also „Liebe“. Jean Louis Trintignant und Emmanuelle Riva, beide über 80 (im Film wie im wirklichen Leben) spielen das alte Ehepaar Anne und Georges, das in den vielen Jahren miteinander verwachsen ist, und doch stets separate Persönlichkeiten geblieben sind. Vertrautheiten, Rituale, Symbiose. Aber auch immer noch der kleine Flirt, das Kompliment des Mannes an seine geliebte Frau. Obwohl man im ganzen Film nicht „Ich liebe Dich“ hören wird, spürt man sie, die Liebe. Es geht ihnen gut, den beiden. Musikprofessoren, deren Glück es ist, in Konzerte zu gehen, ehemalige Schüler – nun erfolgreiche Künstler – zu Hause zu empfangen, alte Platten aufzulegen. Es gibt eine Tochter, wunderbar gespielt von Isabelle Huppert, die ihre eigenen Sorgen hat, in ihrem eigenen Universum. Man ist eben über 80, einem Alter, in dem man weiß, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird, das ewige Leben, von dem wir alle so tun, als gäbe es das. Glücklich die, denen gute Gene geholfen haben, ohne große Zipperlein bis dahin zu kommen. Dann geschieht es, eine kleine, Sekunden dauernde, Episode, in der Anne einen Aussetzer hat. Sie ist besorgt und lässt sich untersuchen. Eine Operation misslingt, und sie bleibt auf der rechten Körperseite gelähmt. Dabei bleibt es leider nicht. Sie erkennt, dass es auf das Ende zugeht. Anne beginn – zum ersten Mal seit Jahrzehnten, wie es scheint – in alten Fotoalben nach Erinnerungen zu suchen. Ihr Zustand verschlechtert sich rapide. Georges umsorgt sie. Voller Liebe, die spürbar zu jeder Zeit in allen Handlungen präsent ist. Das Gefühl der Gewohnheit kann gar nicht aufkommen, denn alles ist neu für Georges. Keine Arbeit ist ihm zu viel, auch die unangenehmen übernimmt er mit liebender Hingabe. Aber er ist über 80, er ist irgendwann überfordert. Er stellt eine Pflegerin ein, die natürlich keinen Bezug zu Anne hat, und ihre Arbeit routinemäßig verrichtet, lieblos, unpersönlich. Georges feuert sie und sagt ihr deutlich, was er von ihr hält. Was ich an Hanekes Filmen besonders mag, ist, dass er nie sentimentalen Brei zusammenrührt. Keine Träumereien über den schönen, gemeinsamen Abgang. Kein Ritt in den Sonnenuntergang. Kein friedliches Hinübergleiten in eine „bessere Welt.“ Der Anfang des Films ist das Ende des Films. Der Schock kommt sofort, ohne Vorwarnung. Allerdings trägt er uns bis zum Ende der erzählten Handlung. Es ist ja nicht so, als hätten wir nicht gewusst, dass auch dieses Leben, Annes, zum Tode führen wird. Und das von Georges auch. Er wird derjenige sein, der übrig bleibt am Ende dieses Films. Allein, das darf vermutet werden. So ist das nämlich, am Ende sind wir allein, auch wenn da jemand das Händchen hält.

Dienstag, 10. April 2012

Glück

Entlaubt, grau, desolat.
Baum, Himmel, Gegend.
So fängt der Film an und setzt sofort die Stimmung. Schon weiß ich, was ich zu erwarten habe. Irgendwann wird zartes Grün sprießen, blauer Himmel mit entzückenden weißen Wolkenformatiönchen und ein lebendiges Stadtviertel zu sehen sein. Denn schließlich heißt der Film „Glück“ und das muss ja dann auch optisch zu erkennen sein.
Symbolik.
Nun kommt die Vorgeschichte: Irina erleidet ein brutales Schicksal in einem der von Kriegen zerrüttenden Länder Osteuropas. Ihre Eltern werden ermordet, sie wird vergewaltigt. Sie taucht tief in einen Fluss ein. Überlegt sie Selbstmord zu verüben? Will sie die Entwürdigung, die Verletzung abwaschen? Letzteres sag ich jetzt, denn sonst wäre der Film nach 10 Minuten zu Ende gewesen, aber da taucht Irina auch schon in Berlin auf. Wie sie da hingekommen ist, erfährt man im Film nicht. Es steht im Buch „Verbrechen“ von Ferdinand von Schirach, das ich mit großer Begeisterung gelesen habe, und in dem „Glück“ einer von 11 Fällen ist, die er als Strafverteidiger verhandelt hat.
Und hier möchte ich kurz diese Filmbesprechung verlassen, um das Buch zu loben und zu empfehlen. Es ist ein hochspannendes Buch, in einem Stil, den ich gern „bare bones“ nenne. Unverschnörkelt, geradeaus, Fakten. Einfach erzählt, alles Wesentliche ist drin, und dennoch ist es nicht kalt oder unbeteiligt. Ich hab es in einer Nacht gelesen und sofort den zweiten Band „Schuld“ bestellt. Hochgradige Leseempfehlung für beide Bücher.
Zurück zum Film.
Natürlich ist es ein Klischee, dass alle Frauen, die aus den osteuropäischen Ländern kommen, illegal in Deutschland sind und ihr Geld auf der Straße verdienen. Aber das war die Buchvorgabe, und es trifft wohl hier und da für einige Frauen zu, egal woher sie kommen.
Nun trifft Irina (Alba Rohrwacher, sehr überzeugend, zurückgenommen in Gestik und Mimik) den jungen Punker Kalle (Vinzenz Kiefer). Der sieht so aus, wie sich der deutsche Michel den Straßenjungen vorstellt: mit strähnigen Zottelhaaren, mehreren Piercings in Unterlippe und Nase, fadendünnen Klamotten und einer stylischen Bikerjacke mit Nieten. Und mit Hund. Aber unter dieser Fassade steckt ein hübscher Teenieschwarm, der im Laufe der Geschichte das ganze Blech aus seinem Gesicht spurlos entfernt. Keine Stechlöcher, wo die Piercings waren, schön geschnittene Frisur, blankpoliertes Strahlegesicht. Alles aus Liebe zu Irina. Und weil er einen Job hat, für den er im Film aber zu blöd ist. Dass eine Zeitung gefaltet werden müsste, bevor sie in den Briefkasten passt, kann man als obdachloser Punk auch nicht wissen. Ist klar. Dafür hat er aber ein Sixpack, das sicher nicht vom In-Straßenecken-rumhocken kommt.
Kalle und Irina sind glücklich, irgendwie ist es auch egal, dass sie im neuen Einraum-Heim Kundschaft bedient und er nichts gebacken kriegt. Die Liebe siegt. Das ist schön, und wenn ich wogende Mohnblütenfelder sehe, und mittendrin räkelt sich Irina, dann habe auch ich verstanden: das ist das reine Glück. Erwachsene, die glückselig in Kinderschaukeln dem schäfchenbewölkten Himmel entgegenschwingen? Achtung: Glück.

Ein schmuddeliger Punk, der für seine Freundin zum Sauberbubi mutiert? Noch mehr Glück.
Ja danke, ich habe verstanden.
Ist es das Glück, das Herr von Schirach meinte?
Der Film ist gefühlte drei Stunden alt, als es endlich zum dem Ereignis kommt, das von dem Anwalt - im Buch dem Ich-Erzähler von Schirach – vor Gericht verhandelt wird: die etwas unorthodoxe Entsorgung der Überreste (und man darf das wörtlich nehmen) eines dummerweise am falschen Ort zur falschen Zeit durch Herzinfarkt verstorbenen (und offenbar auch einzigen) Kunden von Irina.
Weil auch das in den malerischsten Farben beschriebene Glück irgendwann mal kinematographisch ein Ende nehmen muss, wird dann der eigentliche Kriminalfall in den letzten 10 Minuten zwischen einem Verteidiger (Matthias Brandt) namens Noah Leyden (hä???) und einer namenlosen Anklagevertreterin (Maren Kroymann) schwupp-di-wupp in einem Bistro ausgehandelt. Glück.
Zwischendurch gewährt uns der Anwalt noch schnell einige schnipselige Einblicke in sein eigenes familiäres Glück. Mit einer tollen Gattin und zwei gescheiten Kindern. Zu viel des Guten.
Dass Matthias Brandt, der kaum Möglichkeiten hatte, sein Rolle als Anwalt zu unterfüttern, hier so blass blieb, liegt wohl an der Aufbereitung des Drehbuchs.
Was in von Schirachs kompakte Geschichte hineininterpretiert wurde, ist hanebüchen. Überfrachtet mit Symbolik und überwältigend kitschig.
Allerdings gab es im Film tatsächlich einen Moment, der mich unerwartet berührte: als Irina nach brutaler mehrfacher Vergewaltigung auf dem Tisch liegt und eine weiße mit Lämmchen bestickte Tischdecke komplett über sich zieht. Kitsch? Effekthascherei? Möglich. Für mich war es die einzige Szene, die mich emotional gepackt hat.
Alba Rohrwacher ist ein Lichtblick im Film und ihr allein ist es zu verdanken, dass ich das Kino nicht vorzeitig verließ.
Ich habe ein Interview gesehen, in dem sich Herr von Schirach zufrieden über den Film äußerte. Frau Dörrie hatte große Hoffnungen für den Film bei der diesjährigen Berlinale. Große Erwartungen werden leider oft enttäuscht.
Vielleicht waren meine ja ebenfalls zu hoch, und ich habe mich zu sehr ans Buch geklammert?
Ich hatte meine Freundin, die das Buch nicht kannte, ins Kino mitgezerrt. Gerade WEIL sie das Buch nicht kannte.
Selten waren wir uns so einig.

Sprachlos

Im März war ich acht mal im Kino, und hier steht nichts???
Ich bin entsetzt.
Das wird sich noch diese Woche ändern, bevor ich total verschlumpfe.