Montag, 4. Juni 2018

Ich fliege

Ich fliege...!
Mon ange, ach, mein Englein 
wohin fliegst du so schnell
Ich hol’ dich nicht ein, 





schweb’ mal auf der Stell’...” 
Das geht nicht, mein Liebchen, 
du weißt, wie das ist:
Wer rastet, der rostet. 
Bleib’ nie, wo du bist!” 
Ich fliege, mein Englein, 
ich dreh’ mich im Kreis,
ich jag
’ durch die Wolken 

mir ist schon ganz heiß!” 
Wolke sieben, mein Liebchen,
ist nächstes Jahr frei,
da treffen wir uns, 
nachmittags um drei.” 
Ach Englein, ich weiß nicht! 
Ob das so schnell geht?
Na, ich flieg’ schon mal los, 
sonst komm ich zu spät

Leah Herz, 30. Mai 95

Samstag, 21. Februar 2015

"Boyhood" - Oscars, die dritte...


Das war im Sommer 2014 ein euphorisch bejubelter Film, so einmalig, so wundervoll, so großartig... und für mich leider auch so langweilig.
Diese „coming of age“ Filme haben gern was herziges, wenn nicht gar zu Herzen gehendes.
Im Grunde ist es eine Langzeit-Doku, weil es veritable Schauspieler sind, die innerhalb der 12 Jahre Drehzeit jedes Jahr für zwei Wochen vor Regisseur Linklaters Kamera standen. Deren Entwicklung verfolgen wir von Kindheit zur Jugend, von Ehe bis Scheidung und für den „boy“, um dessen boyhood es geht, seinen Weg bis zum College.
Nun ist die Veränderung von Kindern zu Erwachsenen nicht nur optisch dramatischer, aber man erkennt natürlich auch, wie Patricia Arquette und Ethan Hawke – nun ja, sich eben auch weiter entwickeln und verändern.
Das macht inzwischen ja jede dritte Familie so: Geburten, Einschulungen, Schulabschlüsse aller Art, Hochzeiten und sogar Beerdigungen werden für die familiäre Videothek festgehalten. Soweit, so kein Megaereignis.
Für Richard Linklater war es vermutlich eine größere Herausforderung wenn er die Darsteller ein ganzes Jahr lang nicht gesehen hatte, die Story weiterzuentwickeln. Insbesondere, weil er seinen vier Hauptakteuren verhältnismäßig freie Hand gelassen hatte, ihre Geschichten selbst fortzuschreiben. Trotzdem hatte er einen – wenn auch weiten –Rahmen vorgegeben. Diese Beteiligung der Darsteller über 12 Jahre gibt diesem Film schon etwas Besonderes.
Das ist alles hübsch anzusehen. Allerdings verläuft das Leben dieser Protagonisten im Grunde nicht anders als das anderer Figuren in anderen Filmen, wo der Alterungsprozess durch die Maske hervorgerufen wird.
Aber dennoch: Schöne Idee, gute Schauspieler, unerhebliche Handlung. Ach übrigens, entgegen der landläufigen Meinung fand ich Lorelei Linklaters (Tochter des Regisseurs) Leistung die bei weitem größere, viel eindringlicher als die des Ellar Coltrane als Mason, dem Titelgeber. Aber das ist sicher Geschmacksache. Wie alles, was so über die Leinwände flimmert.
Was die Oscars angeht: Best Picture muss wirklich nicht. Arquette und Hawke für Best Supporting Actor/Actress muss auch nicht.
Best Director für Linklater... nojo, da setze ich ja ganz hoffnungsfroh auf „Birdman“.

"Selma"



Unterm Strich ist das ein gut recherchiertes und sehr gut in Szene gesetztes Zeitdokument. Die Märsche der unterdrückten schwarzen Bevölkerung von Selma nach Montgomery – tiefer Süden. Zwei Versuche, die brutal niedergeschlagen wurden, und der dritte, der dann unter Polizeischutz sein Ziel erreichte. Dazu mussten aber erst Martin Luther King jr. und Präsident Johnson ein Machtwort sprechen, sonst wäre der dritte Marsch genau so gescheitert, wie die beiden anderen davor.
Von 15.000 Schwarzen hatten genau 130 (hundertdreißig!) das Wahlrecht. Damals, 1961, war Selma Verwaltungssitz des Dallas County. Das gesamte County hatte 57% schwarze Bewohner. Wegen besonders stringenter Auflagen, die man eigens für die Schwarzen implementiert hatte, hatten also 14.870 Bürger kein Wahlrecht. Geringverdiener und Analphabeten hatten keine Chance, sich als Wähler anzumelden. Das Bildungssystem vernachlässigte die schwarze Bevölkerung.
Und da irgendwann die Hutschnur mal reißt, machten immer mehr schwarze Bürger ihrem Ärger Luft. Sie veranstalteten Demos. Das gehört zwar zum Bürgerrecht, aber in den Zwergkönigreichen der Counties im tiefen Süden wehte der Wind von einer anderen Seite, und zwar von einer sehr brutalen und rücksichtslosen. Da hatten Schwarze keine Rechte und die weißen Sheriffs die Hand immer am Knüppel oder an der Knarre und zögerten auch nie, diese Waffen – inklusive Springerstiefel - einzusetzen. Dem Ku-Klux-Klan kam das gelegen. Sehr viel geändert hat sich da leider eigentlich noch nichts. Heute wird der Rassismus zwar überwiegend verdeckt ausgeübt, aber er ist immer noch sicht-, hör- und spürbar.
Der Film „Selma“ beschreibt die damalige Situation, die menschenunwürdige Behandlung durch Polizei und Stadtoberste, und die Märsche, bei denen es Schwerverletzte gab, detailliert und geschichtsgetreu wie eine Doku. Ich mag ja Dokus. Das ist gut recherchiert, gut inszeniert und sehr gut gespielt. Es ist – trotz des traurigen Themas – ein schöner und sehenswerter Film.
David Oyelowo (schon durch „The Butler“ bekannt geworden) spielt die Rolle des Martin Luther King jr. hautnah, Carmen Ejogo seine Frau. Regie führte Ava Du Verney, die übrigens als erste schwarze Regisseurin für einen Golden Globe nominiert war, ihn aber leider nicht gewann. Die ebenfalls nominierte Musik für diesen Film von Common und John Legend hatte mehr Glück, und der Titel „Glory“ gewann ihn.
Für einen Oscar wurde nur der Film selbst in der Kategorie „Best Picture“ nominiert. Ob da was draus wird? Ich fürchte fast nicht.
Unterm Strich ein sehr sehenswerter Film.
Eine Nominierung für David Oyelowo hätte ich begrüßt, aber mich fragt ja nie einer. Man muss aber – eingedenk der hohen Dichte wirklich guter Filme – nicht immer gleich Rassismus seitens des Oscar-Gremiums vermuten, wenn ein rassenspezifischer Film nicht nominiert wird. Es wurden doch immer wieder welche mit dieser Thematik nominiert und gewannen auch (siehe „Twelve Years a Slave“). Allerdings sind rassistische Tendenzen – wie versteckt auch immer - nicht von der Hand zu weisen.
Es stimmt auch, dass die stimmberechtigten Mitglieder vornehmlich alte, weiße Männer sind. Frauen sind in den wichtigen Ämtern sehr dünn gesät, schwarze Frauen erst recht.
Muss man wirklich warten, bis die alte Manschaft von hinnen nach dannen gegangen ist, ehe sich da mal was ändert?
Times they are a’changing, folks! I vote for more women, more members of color, less tight-assedness to move up to meaningful memberships.

 

Freitag, 20. Februar 2015

Oscarvorschau durch meine Glaskugel



Oscars 2015
Wie jedes Jahr habe ich im Januar meine magische Glaskugel vom Dachboden geholt um sie zu befragen, wie es denn wohl mit der Verteilung des nackten goldenen Männleins bestellt sei.
Wie immer habe ich mich ja, geopfert, und mir schon einige Werke angeschaut, aber „über mich ergehen lassen trifft es in den meisten Fällen besser. Zu meiner Erleichterung liegt heuer auch keine Einladung des Cousins in da bizness vor, aber er hat mir wenigstens einiges Material geschickt.
Eines kann ich euch heute schon sagen, reine Freude war das in den wenigsten Fällen. Ich fang mal mit meinen Nieten an und steigere mich bis zum Endjubel für meinen Favoriten.

Wild
Ein Film, dessen Eröffnungsmonolog aus drei Wörtern besteht: "Fuck you, bitch", lässt mich gern hoffen, dass es im weiteren Verlauf  nicht zu einer Quasselorgie kommt. Allerdings möchte ich auch nicht einem Stummfilm beiwohnen, dessen gesamte Handlung nur von Musikfetzen begleitet wird . Hier ist das Haupthema Schicksalsschlagbewältigung, aber das vor einer wahrlich bombastischen Kulisse, dem  Pacific Crest Trail im Westen der USA. In 115 Minuten werden wir einen Teil davon bewundern dürfen ebenfalls im zerfetzten Schnelldurchgang.
Forrest Gump durchquerte die Vereinigten Staaten von Ost nach West ohne Gepäck, lernte Leute kennen, grüßte freundlich und erfand das Smiley. Das war lustig.
Cheryl Strayed (Reese Witherspoon) beschloss, nach ihrer Scheidung und dem Tod ihrer Mutter zur Selbstfindung und Verarbeitung dieser Einschnitte in ihr Leben auf Wanderschaft zu gehen. Aber natürlich nicht das gemütliche Schlenderwandern, das ich gelegentlich um reizende kleine Seen exerziere, nein, richtige out back Wanderungen, mit Stiefeln und Rucksack, Zelt und Gaskocher. Wir sehen, wie sie mehrmals übt, den überlebensgroßen Rucksack so zu schultern, dass sie nicht mit ihm hintüber kippt, aber alles andere hat sie nicht geübt. So wird man Zeuge, wie sie ihr Zelt nur unter Mühen nach häufigen Fehlversuchen endlich aufstellt. Das mit dem Gaskocher klappt auch nicht so. Und weil der Weg ja auch steinig und schwer ist, fährt sie dann auch gern mal per Anhalter einige Meilen über die Highways. Sie trifft Leute, schläft in Berghütten oder mit Männern und pflegt ihre Blasen.
Die eingangs erwähnten Musikfetzen irritieren, die hunderte von flash backs (die ich ja sowieso nicht so mag) irritieren noch mehr. Kaum fängt mal eine Minihandlung an, bämm flashback 30 Sekunden und weiter gehts on the road again.
Vermutlich war es für Cheryl Strayed eine hilfreiche Erfahrung, über ihre Scheidung und den Tod der Mutter reflektieren zu können. Selbstheilung sagte sie, war ihr Ziel. Der Film basiert auf ihren Memoiren, und Nick Hornby hat das Drehbuch geschrieben.
Für Oscars sind Reese Witherspoon (Best Actress) und Laura Dern (Best Supporting Actress) nominiert.
Leider konnte ich das Therapeutische an der Wanderung nicht nachempfinden, die flash back Fetzen waren dabei nicht hilfreich. Das verlor an Wirkung wegen der häufigen cuts, die Heilung für mich als Zuschauer nicht nachzuvollziehen. Aber man hat mir gesagt, dass es so war, also war es wohl so. Außerdem gehört Frau Witherspoon nicht zu meinen topfavorisierten Darstellerinnen. Auch Derns Leistung war durch diese Methode zerrissen, ist nicht aus einem Guss. Das war für mich das Bedauerlichste.
Von mir kein Oscar für nix.

The Imitation Game.
Das bereits anderweitig öfter mal verfilmte Thema der Dekodierung des Verschlüsselungssystems Enigma, mit dem die deutsche Wehrmacht im II. Weltkrieg geheime Botschaften über ihre Angriffsstrategien durchs System jagten.
Da kommt nun Alan Turing, ein genialer Mathematiker und Analytiker, der britischen Regierung grad recht, um sich des Themas anzunehmen. Das tut Turing (Benedict Cumberbatch) mit Genialität und verbissenem Eifer und führt nach vielen Irrungen und Wirrungen auch privater Natur zum Erfolg. Sein Privatleben war nicht wirklich Thema des Films, aber es wurde en passant erwähnt, dass er wegen des gesetzlichen Verbots homosexueller Beziehungen ein isoliertes Privatleben führte. Das ist nun kein rasend spannender Spy-Film, aber ordentliche britische Verarbeitung eines Kriegserlebnisaufarbeitungsdramas. Am Ende, so ganz stickum im Abspann, wird dann noch vermerkt, dass die Queen, die Gute, Turing 2013 post mortem begnadigt hat. Huch? Welche Gräueltat hat er sich zu Schulden kommen lassen? Ach so, ja, er war schwul! Herrgottsakra... das hat ihn offenbar nicht daran gehindert, genial zu sein, und die Regierung hat solang weggeschaut, bis er Enigma entschlüsselt hatte.
Homosexualität war in England bis 1967 strafbar. Verurteilt wurde Turing 1952, da war der Krieg vorbei und es gab nix Essentielles mehr zu dechiffrieren. Oder es war schon Nachwuchs da. 1954 beging Turing Selbstmord. Machte sich jemand im Königreich Vorwürfe? Und schon kommt die olle Queen um die Ecke und begnadigt ihn. Großes Kino.
Der Film ist für Best Picture nominiert. Streicheleinheit für Homosexuelle? Über solche Gesten sind wir doch inzwischen lang weg. Dann noch Keira Knightley Best Supporting Actress und Morten Tyldum Best Director.
Cumberbatch ist für den Best Actor nominiert. Nojo, optisch gab er durchaus den Nerd her, überzeugend gespielt. Gäbe es nen Oscar in Bronze, würde ich sagen, kann er haben. Aber so? Och nö.

The Theory of Everything
Hier ist es also, mein erstes highlight! Ein Bio-pic über Stephen Hawking, einen der berühmtesten Physiker unserer Zeit. Hervorragend gespielt von Eddie Redmayne, verhältnismäßig frisches Gesicht im Kino.  Es geht um eine gefühlvoll aber nicht duselige Liebesgeschichte, in die der Werdegang Hawkings und seine Thesen ...smooth... eingeflochten werden. Mir fehlten irgendwo Übergänge. Plötzlich und ohne Vorwarnung war er nicht mehr mit Jane verheiratet. Aber es war dann ein Elaine Mason da, die ihn betreute. Es wurde nicht näher thematisiert, ob sie ihn geheiratet hat, aber da der Film auf den Memoiren von Jane Hawking basierte, wird sie diese Phase nicht so ausführlich beleuchtet haben. Immerhin ging es in ihrem Buch ja um ihr Leben mit Hawking, aus ihrer Sicht also alles abgedeckt. Sehr gutes Entertainment.
Nominiert für Best Picture, Eddie Redmayne für Best Actor, Felicity Jones für Best Actress.
Eddie Redmayne hat den Hawking prima hingekriegt. Best Hawking impersonation ever. Dafür nen Orden am Bande, meinetwegen ein güldner.
Aber Oscar? Ick weeß nich. Muss ja nicht direkt jeder Film, der besser ist als standard Hollywood-Schmonzes, mit nem Oscar gekrönt werden.

Birdman - (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)
Das isser! Mein Favorit. Für ALLES. Oscars inklusive. 11 Nominierungen. Jawoll. Darf er haben. Andererseits find ich es immer etwas ungerecht, wenn ein einziger Film so überschüttet wird.
Schwarze Komödie von Alejandro G. Iñárritu (dessen Biutiful ich schon liebte), die von Anfang bis Ende reinhaut. Er erzählt die Geschichte des abgehalfterten Schauspielers Riggan Thompson (Michael Keaton), der seinem vergangenen Ruhm als Comic-Held Birdman nachtrauert. Allerdings hatte er eine Bindung an diese Rolle entwickelt, die inzwischen sein Leben kontrolliert. Um seiner ermatteten Karriere wieder neuen Schwung zu geben, beschließt er, die Kurzgeschichte von Raymond Carver What we talk about when we talk about love ins Theater zu bringen, von seinem Freund Jake (Zack Galifianakis) für die Bühne adaptiert. Allerdings verunfallt kurz vor der Premiere ein wichtiger Nebendarsteller, der dann durch den erfolgreichen Theaterschauspieler Mike Shiner (Ober-Highlight: Edward Norton) ersetzt wird. Shiner ist allerdings keiner, der sich was sagen lässt, er macht lieber selber Ansagen. Er zeigt Riggan halt mal eben, wo der Frosch die Locken hat. Zu all dem Hickhack mit Shiner hat Riggan auch noch Probleme mit seiner Tochter Sam (Emma Stone), die grad auf Entzug war, und der er einen Job in der Produktion zugeschanzt hat. Sam wird obendrein noch von Shiner angebaggert, und als ob das nicht genug wäre, schaut auch Riggans Ex-Frau gerne mal überraschend vorbei. Von der möglicherweise grad schwangeren Freundin ganz zu schweigen.
Her mit dem Hackebeilchen, Hollywood-Kino kurz und klein zerdengelt. Her mit den echten Schauspielern, die ihren Jobs Ehre machen. Lustvoll gespieltes Bühnentheater. Großartige Kamera. Witzige Dialoge. Ein Hochgenuss.
Wers inzwischen vergessen hat: 11 (ELF) Oscar-Nominierungen, und jede einzelne berechtigt.
Birdman soll abräumen!

Gesehen habe ich auch Boyhood , Gone Girl und Selma. Dazu später mehr.
American Sniper ist thematisch nicht my cup of tea, aber ich werd mal reinschauen und berichten. Vielleicht.
The Grand Budapest Hotel muss ich auch noch sehen. Ob ich Foxcatcher schaffe? Oder „Still Alice“? Time will tell. Time of which theres so little, and films, so many.


Montag, 10. März 2014

Haben macht glücklich



Arne Birkenstock hat einen neuen Film gedreht, wieder eine Doku. Das mal vornweg: Ich liebe Dokus.
Schon mit „Sound of Heimat“ hat er mir eine große Freude bereitet, und nun auch mit „Beltracchi – die Kunst des Fälschens“.
Wolfgang Beltracchi wurde – zusammen mit seiner Frau Helene – rechtmäßig zu einigen Jahren Knast verurteilt, bleibt aber Freigänger. Obwohl das von Vielen als ungerecht betrachtet wird, ist es angesichts der hohen Schulden von ca. €20Mio sinnvoller, ihn einer Arbeit nachgehen als in einer Zelle vermodern zu lassen. Er ist ein Betrüger, ein Fälscher. Das ist BÖSE!
Der Film zeigt also den gegenwärtigen Freigänger Beltracchi, der seine Nächte (ebenso wie seine Frau) auf der  Knastpritsche verbringen muss, und er zeigt in flash backs aus älterem Filmmaterial das süße Leben in Frankreich. Und es war sehr, sehr süß. Er konnte jederzeit mit der „Mein Haus, mein Boot, mein Auto“ Schickeria mithalten. Verkehrte mit den lässigen Bonvivants im ewig sonnigen Süden Frankreichs, und er ließ die Gottheiten gute Männer sein. Geld ist schließlich zum Ausgeben da.
Wir sehen bei Kunstauktionen, wie sich wichtige Herrschaften in edlen dunklen Anzügen mit geheimnisvollen Zeichen gegeneinander überbieten, wie ähnliche „Beauftragte“ in dicht an die Lippen gehaltene Telefone ihrer Kundschaft Zwischenstände und Höchstgebote durchsäuseln. Der Kunstbetrieb brummt.
In all dieser Zeit kommt offenbar keiner der hochangesehenen und weltberühmten Sachverständigen, Galeristen, Mäzene je auf die Idee, diese Werke mal etwas gründlicher zu untersuchen? Weil so urplötzlich aus dem Nichts auftauchende Gemälde eventuell Fälschungen sein könnten?  Ach warum zweifeln, wenn das Geschäft grad so gut läuft.
Kunstwerke, vorzugsweise nachgewiesen echte, machen den hard-core Sammler glücklich. Und natürlich alle die, die nach dem Künstler bis vor dem Endabnehmer absahnen.
Was macht der Sammler nun damit?
Hängt er sie in einer klimatisierten Geheimkammer auf, für immer unsichtbar für den Rest der Welt?
Stellt er sich einmal täglich in stiller Bewunderung und Andacht davor und freut sich ein Loch in den Bauch?
Was treibt einen Sammler? Gier nach Schönheit? Gier, etwas zu besitzen, was kein anderer Mensch hat?
Diese Frage wurde zwar im Film "Beltracchi - die Kunst des Fälschens" nicht explizit behandelt, aber für mich doch teilweise beantwortet. Es gibt nicht nur eine einzige schlüssige Antwort, sondern mehrere Gründe, die ineinander spielen. Da ist also der große und ewige Hunger nach mehr, nach höher, weiter, schöner, der ein niemals zu unterschätzender Faktor ist. Und der ruft auch unlautere Mitbürger auf den Plan. Wer bedient diese Nachfrage nach Kunst? Nicht der Künstler selbst, der ist ja in den meisten Fällen schon tot. Und veritable Künstler kopieren sich auch nicht selbst. Von den alten Meistern sind kaum noch Werke auf dem Markt, außer ein Besitzer trennt sich mal von einem seiner Babys.
Und jetzt kommt so einer wie Wolfgang Beltracchi daher und erkennt die Gunst der Stunde. Da sind dann plötzlich all die Campendoncks, Max Ernsts, Liechtensteins und dergleichen, die als lang verschollene Werke magisch aus irgendeiner Versenkung auftauchen. Die Kunstszene jubelt. Alle ernstzunehmenden Sachverständigen, Mäzene und Galeristen wittern Bombengeschäfte. In der Tat, für lange Zeit scheint niemand auch nur den Hauch eines noch so dünnen Zweifels zu haben.
Und dann platzt die Bombe. Unermüdliche Sonderbeauftragte des BKA haben nun Beweise: Beltracchi und Helfer sind Betrüger. Das Lustige daran ist, dass bis heute immer noch nicht alle Fälschungen aufgedeckt wurden. Und der Kunstbetrieb gibt die beleidigte Leberwurst. Dass es einem Schlitzohr wie Beltracchi gelungen ist, die gesamte Kunstwelt an der Nase rumzuführen. Ihre Glaubwürdigkeit ist beschädigt. Frechheit. Niemand möchte gern vom hohen Ross dieses unendlichen  Borns der Freude und der Millionen runtersteigen. Ganz zu schweigen vom unersetzbaren Verlust der Glaubwürdigkeit.
Gefragt, ob in diesen Werken sein Herzblut stecke, sagt Beltracchi: „Nö, nicht mein Herzblut. Das ist ein Job, meine Arbeit. Mein Herzblut steckt in meiner Frau und meinen Kindern, in meiner Familie.“
You have to take the good with the bad. Er scheint gelassen. Hat ja noch einige Jahre um seine Schulden abzuarbeiten.
Ich möchte gern glauben, dass es Herrn Birkenstock ging wie mir: er mag diesen Beltracchi, und das zeigt er auch deutlich im Film. Aber ein bisschen Voreingenommenheit zum Thema, das man verfilmt oder literarisch aufbereitet darf doch wohl sein? Wo bliebe sonst die künstlerische Freiheit?

Samstag, 8. März 2014

Scrabble Poetik

Ein TIGER GUSS sich Ende eines JUNIS TEE in den Schlund. „STOP“ rief er ob der PEIN, die CARVEND war, und er überlegte, ob er sich die Haare AUSRAUFE. Er WAGTE es. Darob verwandelte sich sein QI in das einer MURÄNE, eine KÄSENDE gar mit HELM. Zur Ablenkung murmelte er das griechische Alphabet, kam aber nur bis NY. Er wagte es, bis zu den AXELN in die einige YARDS weg haltende LIMO zu schleichen, er hatte GRÜNDE, denn da hockte ein KITZ. Ein CLIENT, ganz MARODE, sagte: „Oh, du BUHTEST, ich dachte, ihr HÖBET den FÖN“. – „Nee, ich ÜB nur, falls der HARST kommt".

Samstag, 28. Dezember 2013

'Schweisauned - Mein Jahresrückblick auf die Kölner Verkehrsbetriebe - KVB

Was dem Einen sein ’schland ist mein ’schweisauned. Denn ich weiß auch nicht mehr, was ich von all dem halten soll. All dem Hype, all dem Krach, all den versuppenden Menschenmassen, die sich unentwegt von hier nach dort transportieren lassen wollen. Mit der KVB. Es gibt ja nix Anderes. Das ist mein Thema heute, die U- und Straßenbahnen der KVB, und manchmal die Busse. Wobei die U-Bahnen ja teilweise auch oberirdisch, also auf der Straße fahren. Eine Zwitterexistenz. Zum Beispiel die Ansagen der KVB, die in den U-Bahnhöfen immer dann kommen, wenn grad ein vier-wagiger Zug reindonnert. Man versteht bei dem Krach dann nicht, was man vier Halten später plötzlich und natürlich unerwartet, weil unverstanden, am eigenen Leibe erlebt. Der Zug kann nicht weiterfahren wegen a) Baustelle b) Verkehrsunfall c) spielende Kinder auf den Schienen d) irgendwas mit „leider nicht“ und „tschulljense bidde“. Die Umsteigemöglichkeiten „befinden sich vier Straßen weiter, Bus 134 und 153“, die aber nirgends hinfahren wo ich hinmöchte. Diese Ansage versteht man auch nur, weil die Bahn grad stillsteht. In solchen Situationen stürmt der leidgeprüfte und stinksaure aber immer noch willige Fahrgast gern zu den Türen, die sich aber trotz mehrfachen Hämmerns gegen den beleuchteten Türöffnerknopf nicht öffnen. Die Menschensuppe brodelt. Etwa 179 panische, nicht nur übelriechende, sondern auch schrill telefonierende Beförderungswillige drängeln im Ein/Ausstiegbereich – die Kakofonie und Duftvielfalt ist überwältigend und wird bis in der hintersten Ecke des Wagens wahrgenommen. Ich bleibe erst mal mit meinem Rucksäckchen auf dem Buckel ergeben auf der Bank hocken und warte die Entwicklung ab. Dabei rieselt mir allerdings schon der Angstschweiß den Rücken runter, und auch meine Duftnote ist nicht mehr zumutbar. Schon für mich selbst nicht. Meine Gedanken schweifen sehnsuchtsvoll zu meinem Badezimmer, wo Wanne und Dusche, Seife und Shampoo vereinsamen. Ich zieh meinen eBook-Reader aus dem Rucksack und lese. Meine Notverpflegung, ein Döschen TicTac, werde ich erst in ärgster Not anbrechen. Nur die Ruhe bewahren – alles wird gut – Krishna hat einen Plan. Die KVB auch, hoffe ich. Jetzt überspringe ich die gefühlte zweistündige Wartezeit, irgendwann schleicht die Bahn rückwärts zur nächsten Weiche - wendet sozusagen - und wir werden da wieder ausgeladen, wo wir eingestiegen sind. Inzwischen ist mein Termin lange vorbei, und mein Terminator nimmt mir nicht ab, dass ich in der KVB gefangen saß. Gut, das passiert nicht täglich, aber wöchentlich in Variationen. Vielleicht sollte ich der KVB auch mal dankbar sein, versucht sie doch auch, meine sportlichen Bemühungen zu fördern. Besonders, wenn ein Zug oberirdisch hält, und wie dann der Fahrer zuschaut, wie ich mich die vier Stufen hochquäle und hechelnd an der Tür ankomme, den grün leuchtenden Knopf mehrfach betätige, um dann langsam vorzufahren. 15 Meter zum roten KVB-Ämpelchen. Steht dort 30 Sekunden und fährt weiter. Ich hätte nur fünf Sekunden zum Einsteigen benötigt. Nun gut, drei mal wöchentlich dieses Training, und ich kann Kieser eigentlich kündigen. Trotzdem fahr ich gern mit der KVB - wenn sie denn fährt. Das Netz ist gut ausgebaut, man kommt - wenn sie denn fährt - auch schnell überall hin. Dass seit über einem Jahr fast alle Rolltreppen defekt und/oder gesperrt sind (und zwar grad an den Stationen, die ich am häufigsten frequentiere), und dass, falls überhaupt vorhanden, auch die Aufzüge „vorübergehend außer Funktion“ sind, nehmen mein demoliertes Knie und ich ächzend zur Kenntnis. Immerhin stehen strategisch gut verteilt große Schilder mit dem Hinweis, dass die Treppen „vorübergehend“ außer Betrieb sind (sieh an), und man bittet auch schnörkellos, aber ohne Erklärung, um das Verständnis der Fahrgäste. Die Definition von „vorübergehend“ liefert die KVB leider nicht. Ich hab den Begriff gegoogelt: „Das Wort "vorübergehend" beschreibt einen zeitlichen Abschnitt, der nicht von langer Dauer ist.“ Vermutlich würde mir nun die KVB erläutern, dass „nicht von langer Dauer“ relativ ist. Das macht mein Leben nicht einfacher. Mein Monats-Abo für die KVB habe ich nun gekündigt, bis alle Treppen und Aufzüge wieder funktionieren. Bis dahin verdient wenigstens die Taxizunft an mir.

Mittwoch, 23. Oktober 2013

"Prisoners"

Kaum hab ich mich von der nervenaufreibenden Spannung bis zum „Breaking Bad“-Finale erholt, sitze ich völlig unvorbereitet in einem Film, der mindestens ebenso spannend ist. Und zwar bis zum letzten Bild in der 145. Minute (der Rest sind die credits). Es fängt ganz fröhlich an: das Ehepaar Dover kommt mit seinen Kindern zum benachbarten Ehepaar Birch (Zoe Borde und Terrence Howard) um Thanksgiving zu feiern. Die Töchter der beiden Paare tollen zusammen in der ruhigen Anwohnerstraße herum, wo nur ein verschimmelter Wohnwagen nicht so recht ins Bild passt. Und irgendwann merken die Eltern, dass die Kinder nicht mehr draußen spielen. Nach erfolgloser Suche im Haus und der Umgebung wird die Polizei eingeschaltet. Detective Loki (Jake Gyllenhaal) übernimmt. Der findet auch schnell einen Verdächtigen, Alex Jones, den Besitzer des Wohnwagens. Allerdings gibt es keinerlei Beweise dafür, dass er der Täter ist. Außerdem stellt sich bald heraus, dass Alex geistig behindert ist, und er wird in die Obhut seiner Tante Holly entlassen. Keller Dover (Hugh Jackman) ist nicht nur damit nicht einverstanden, er ist weiterhin der festen Überzeugung, dass Alex der Täter ist. Er nimmt die „Ermittlungen“ selbst in die Hand, indem er den jungen Alex entführt, um eigenhändig dafür zu sorgen, dass er gesteht. Zimperlich ist er dabei wahrlich nicht. Und er „überredet“ den Nachbarn Birch, ihm dabei zur Hand zu gehen. Ab hier etwa halte ich den Atem an – bis zum Ende, und nicht nur ich. Inzwischen hat aber Loki einen gewissen Bob Taylor aufgetan, der als Täter in Frage kommt. Alles passt, und es gibt Indizien ohne Ende. Lots of Grusel. Und ich grusele mich nicht mehr so leicht! Auch Keller Dover scheint nun überzeugt. Bis dieser praktische Verdächtige Taylor Selbstmord begeht. Aber warum nicht, denk ich, er hat ja so einiges auf dem Kerbholz. Es tauchen doch wieder Fragen auf, und der ursprüngliche Verdacht wird wiederbelebt, als man in Taylors Haus äußerst merkwürdige und auch belastende Dinge findet. Sehr belastend und sehr, sehr gruselig. Dover arbeitet sich nach dem Wegfall des Verdächtigen Bob Taylor weiter an Alex ab. Er hat sich in den Kopf gesetzt, dass er den wahren Täter gefangen hält. Plötzlich wird Birchs kleine Tochter irgendwo im Freien gefunden, randvoll mit Drogen. Sie ist in erbarmungswürdigem Zustand. Ob sie überleben wird, ist fraglich. Sie ist also für die weiteren Ermittlungen nicht die erhoffte Hilfe. Ab jetzt verknoten sich nicht nur meine Hirnwindungen, auch meine Finger und Zehen. Ich japse dem Ende entgegen, überzeugt, dass ich vorher noch einem Herzinfarkt erliegen werde. Nun, wie man sieht, hab ich alles heil überstanden, aber ich saß noch minutenlang wie angenagelt in meinem Sessel bis mein Puls wieder auf Normalfrequenz rauschte. Es kann kein wirkliches happy end geben. Darf es auch nicht. Selbst wenn alle überlebten, für keinen der Beteiligten wird es ein „happily ever after“ geben. „Prisoners“ ist eine wunderbar aufregende, dramatisch aufgebaute Story und hat überzeugende Schauspieler (neben Jackman, Gyllenhaal auch Maria Bello, Terrence Howard und Melissa Leo). Der Regisseur, Denis Villeneuve, ein Kanadier, hatte eine besonders glückliche Hand, den Spannungsbogen bis zuletzt straff zu halten. Es ist auch ein bedrückender Film. Wie weit würde ich gehen, um mein Kind zu retten? Wäre ich fähig, die gleichen oder ähnliche Mittel anwenden wie Dover? Hätte ich irgendwann ein Unrechtsgefühl? Hier denke ich wieder an Walt in „Breaking Bad“, er tut das, was er tut, für seine Familie. Wir sehen ihm zu, wie ein eigentlich Guter zum Bösen mutiert. Und es dauert 63 oft unerträglich packende Folgen, diese Wandlung Schritt für Schritt mitzuerleben. Und trotzdem immer noch einen Funken Mitleid, Verständnis oder vielleicht sogar Solidarität für Walt zu haben. Jackmans Dover zeigt Parallelen. Der eigentlich Gute verstrickt sich in immer mehr Unrecht. Die Gespenster seiner Vergangenheit holen ihn ein. Da ist eine Oscar-Nominierung für „Best Movie“ drin. Gyllenhaal und Jackman dürften auch auf einer Liste stehen. Könnte ich mir vorstellen. 5 von 5 Punkten

Sonntag, 20. Oktober 2013

Behind the Candelabra - Zuviel des Guten ist wundervoll

Der Inhalt – gebündelt. „Liberace – Behind the Candelabra“, so heißt dieses Bio-Pic im Original, das in Deutschland unter dem Namen „Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll“ angelaufen ist. Ein umständlicher Titel, aber nicht abwegig. Der Film behandelt im Wesentlichen die fünf Jahre seiner Beziehung mit dem jungen Tierpfleger Scott Thorson (Matt Damon) und basiert auf dem Buch „My life with Liberace“, das Thorson über diese Zeit geschrieben hat. Als Liberace, genannt Lee, zufällig den 17jährigen Scott kennenlernt, verliebt sich der 30 Jahre ältere sofort in das schüchterne, hübsche Kerlchen. Scott bekommt eine volle Breitseite des überaus extravaganten Lebensstils des Pianisten. Scott ist glücklich, Lee ist glücklich. Lee kann dem Jungen alles und mehr bieten, wovon der je geträumt haben mag. Genau, zuviel des Guten ist eben wundervoll. Scott wird mitgerissen in den Strudel von Prunk, Pomp, Protz und Bombast. Er erlebt den liebevollen, fürsorglichen und den zickigen Lee. Sie leben zwischen überbordendem Privatleben und grandiosen Auftritten, zwischen Champangner und Drogen. Alles geht. Und wenn man grad mal denkt, mehr geht nicht, dann geht doch noch was, und mehr, und mehr. Irgendwann ist aber auch Scott, der sein Gesicht auf Lees Wunsch liberacesk herrichten ließ, bedient. Sie zoffen sich wie die Kesselflicker, und der mit dem Geld hat das Sagen. Und das letzte Wort. Es kommt zur Trennung. Es folgt eine Klage, in der es um eine Abfindung für Scott (palimony bei unverheirateten Lebenspartnern) in Millionenhöhe geht, die der Stärkere, der Reichere, der Mächtigere gewinnt. Wie auch sonst? Unter diesen Umständen kann der Film auch nur ein trauriges Ende haben. Allerdings gibt es auch eine nicht zu unterschätzende, versöhnliche Note. Schöner Film. Spannender Film. Wundervoll bunt, exzentrisch und manchmal auch ein bisschen hysterisch. Hingehen. Steven Soderbergh ging betteln Es grenzt an ein Wunder, dass es diesen Film überhaupt gibt. Hollywood zögert nach wie vor, das „heiße Eisen“ Homosexualität anzupacken, und so fand sich auch lange kein Studio, das dieses Risiko eingehen wollte. Es ging nur um fünf Millionen Dollar, vergleichsweise low budget. „Zu gay“, sagten die Studiofürsten: „Wir wissen nicht, wie wir den vermarkten sollen.“ Eigentlich unverständlich, nachdem doch „Brokeback Mountain“ ein Riesenerfolg war. Und der war nicht mal witzig. Vielleicht passt es nicht in die gegenwärtig so kontrovers geführte Diskussion über same-sex-marriages, die erst in 13 von 50 Staaten legal sind. Wir haben es Herrn Soderberghs Anstrengungen und dem Pay-TV Sender HBO (der uns auch „Boardwalk Empire“, „The Newsroom“ und „Six Feet Under“ bescherte) zu verdanken, dass dieser Film doch noch gedreht wurde. Wer war Liberace? Der Mann, der Valentino Liberace hieß und unter dem Namen „Liberace“ bekannt wurde, war Sohn eines italienischen Einwanderers. Er war ein musikalisches Wunderkind, das schon im Alter von sechs Jahren klassische Werke auswendig spielte. Mit 12 war er Solist beim Chicago Symphony Orchestra, später studierte er Musik. Er trat hin und wieder öffentlich auf. Das Fernsehen wurde auf ihn aufmerksam und er bekam seine eigene Fernsehshow. Nach etwas zähem Beginn bekam er ein Engagement in Las Vegas. Damals fing er damit an, seine Auftritte flashy, prunkig und bombastisch zu zelebrieren. Seine reich verzierten Konzertflügel schmückte er seitdem immer mit protzigen Kandelabern. Liberace war vermutlich Vorbild für einige Künstler des showbiz, aber selbst Prince, Jackson, Moshammer oder Glööckler scheinen Waisenkinder im Vergleich. Liberace war eher der König Ludwig des Entertainment. Kennt man hierzulande diesen Liberace eigentlich noch, oder hat ihn je gekannt? Vielleicht die über 40jährigen. Und auch die nur vom Hörensagen. Aber wahrscheinlich eher nicht. In Kommentaren der US-Medien wurde er meistens lächerlich gemacht („Aber er hat seine Mami sehr lieb“) und seine Beteuerungen, nicht schwul zu sein, wurden mit vielsagendem Lächeln bedacht. Oscarwürdige Darsteller – Maske und Ausstattung. Die Maske hat Wunder vollbracht, als sie den 42jährigen Matt Damon (der mir gut gefiel in seiner Rolle) auf den 17jährigen Hänfling Scott zurechtmachte. Michael Douglas gibt einen außerordentlich glaubhaften Lee. Sehr dezent schwul in Gestik und Mimik, denn es galt ja damals, den prüden amerikanischen Fans seine wahre sexuelle Orientierung zu verheimlichen. Liberace hatte seinerzeit jeden, der öffentlich über seine Homosexualität spekulierte, sofort verklagt und immer gewonnen. Generell gibt es viel schöne Musik, teilweise original Playbacks. Die Ausstattung ist an Glamour kaum zu überbieten. Übrigens hat Douglas einige der Musiknummern selbst gespielt (und sehr viel dafür geübt, wie er gestand). Außer Douglas und Damon spielen auch Dan Aykroyd, Debbie Reynolds, Rob Lowe und Scott Bakula mit. Ich mochte den Film und empfehle ihn als sehr gute Unterhaltung. Amüsant und ohne Slapstick, lustig und heiter, ohne platt zu sein. Von mir 5 von 5 Punkten. Ach ja – und Oscars für alle!

Freitag, 26. Juli 2013

Killing Season - Travolta und DeNiro - not a match made in heaven

Wer meine Ausführungen zu diesem Werk lesen möchte, kann das hier http://wp.me/p1lB0w-4XN Demnächst poste ich hier wieder eine komplette Besprechung.

Mittwoch, 17. Juli 2013

"The Heat" (Taffe Mädels) - Aus meiner lockeren Reihe: Sommerlochkino

Gibt es eigentlich eine geheime Absprache in der Industrie, jedes Jahr ein Sammelsurium an Filmen zu produzieren, die im Sommerloch wahllos auf den Markt geschmissen werden? Wenn es ganz besonders heiß ist, flüchte ich gern mal in einen klimatisierten Kinosaal, wo es ja auch bequeme Sessel gibt, in dem ich gemütlich mein Döschen Prosecco schlürfen kann. Nachdem ich location und Uhrzeit nach meinen Wünschen koordinierte hatte, war ich in „The Heat“, Regie Paul Feig („Taffe Mädels“, ein Hoch auf den deutschen Titeldichter) gelandet. Eine Komödie. Melissa McCarthy, die ich gern mag, (bekannt als Sookie aus „Gilmore Girls“ und „Brides Maids“) spielt die ordinäre und sehr unkonventionelle Mullins, die Cop (muss ich jetzt Coppin sagen?) in Boston ist. Dazu kommt Sandra Bullock als Ashburn, Special Agent des FBI, verklemmt bis dorthinaus, aber mit hochkarätiger Ausdrucksweise, wohingegen Mullins mit gefühlten 179 Variationen von fuck, fucker und motherfucker das sprachliche Niveau entscheidend beeinflusst. Mullins droht gern mit „Ich schieß dir in die Eier“ als ultimative Bestrafung. Mit großer Überzeugungskraft, übrigens. Die Beiden werden von ihren jeweiligen Diensstellen dazu verdonnert, zusammenzuarbeiten. Ashburn wird bei Erfolg eine Beförderung in Aussicht gestellt. Man sollte jetzt nicht erwarten, dass die derbe Mullins jemals polizeiliches Prozedere beachtet, aber auch die überkorrekte Ashburn hat so ihre Momente. Die eigentliche Aufgabe der beiden ist, einen Drogenlord und seine Helferlein einzufangen, festzunehmen und zu verhören. Und nun tauchen etwa ein Dutzend mehr oder minder farbenfrohe und sprachlich ausdrucksstarke Herren auf, die sich aufgrund ihres nicht enden wollenden Vorrats an Schusswaffen und knallharten Fäusten dem Einfangen und Festnehmen und Verhören immer wieder entziehen. Aber das Team Mullins und Ashburn, beide ja keine Schluffis, groovt sich so langsam ein und kooperiert miteinander. Das führt dann zu stand-offs, die aussehen wie ein Bild im Bild im Bild des Bildes. Inzwischen lockert sich Ashburns Stock im Arsch, und als Mullins sie dann in einer Kneipe unter Alkohol setzt, kommt die wirklich lustigste Szene des Films: die beiden tanzen quasi synchron zu extrem lauten girl rap. Wo Ashburn allein agiert (ehemaliges Heimkind), sehen (und vor allem hören) wir immer wieder Mullins’ sehr zahlreiche und lautstarke Familie. Wir wissen ja alle, wie solche Filme enden: großer show down, die guten fangen die Bösen, und Mullins macht dann doch tatsächlich ihre Drohung wahr, und schießt einem Bösewicht in die Eier. Ansehen muss man sich das alles nicht. Ich bin geblieben, weils grad so schön kühl und gemütlich war. Aber wenn sich Bullock oder McCarthy Fans trotzdem trauen: nehmt vorsichtshalber ne Ladung Ohropax mit! Und ne Ladung Prosecco. Oder Schmerztabletten. Zwei von fünf Sternen auf meiner persönlichen Richterscala. **

Montag, 15. Juli 2013

The King's Speech

Kann man einen Film, der von 1925 bis 1937 spielt, schon einen Kostümfilm nenne? Ganz bestimmt, wenn als Kulisse die prächtigen Wohnsitze der britischen Royals im Spiel sind. Eigentlich bin ich nicht so scharf auf Kostümfilme. Oder Historienschinken. Aber der hier ist ganz anders. Es geht um den späteren König George VI, ehemals Albert „Bertie“ (Colin Firth), den zweitgeborenen Sohn von George V, der 1936 starb. Eigentlich sollte Edward die Regentschaft übernehmen, aber da stand Wallis Simpson, eine geschiedene Amerikanerin, im Weg. Wer kennt diese melodramatische Romanze nicht! Bertie hingegen war glücklich verheiratet mit Elizabeth (Helena Bonham Carter) und hatte zwei Töchter, Margaret und Elizabeth (die inzwischen immmer noch amtierende Königin von England). Und Bertie war ein Stotterer. Es war die Zeit, als das Radio anfing, eine wichtige Rolle im Leben der Menschen zu spielen. Das Königshaus nutzte die neue Technik für Ansprachen ans Volk. Für einen Stotterer ein Desaster. Herkömmliche Maßnahmen, wie Demosthenes bei Sprechübungen Murmeln in den Mund zu packen, erweisen sich als nutzlos. Berties Frau findet einen gescheiterten australischen Schauspieler, Lionel Logue (Geoffrey Rush), der in England Sprachtherapie praktiziert. Bertie wird Patient/Schüler von Mr. Logue, dem Logopäden. Logue ist unzeremoniell und direkt, ihm ist es wurscht, wer sein Kunde ist. Er arbeitet nicht außer Haus und besteht darauf, dass Bertie in sein Haus kommt. Als er ihm dann noch vorschlägt, sich bei ihren Vornamen zu nennen, verschlägt es Bertie die ohnehin wackelige Sprache. Auch wenn es lange so aussieht, als sei Bertie ein hoffnungsloser Fall, lässt Lionel Logue nicht locker. Der unkonventionelle, etwas heruntergekommene Lionel und der zurückhaltende Bertie, gefangen in seinem royalen Korsett, lernen sich zu akzeptieren und erfolgreich miteinander zu arbeiten. Ein Höhepunkt in der Historie und ein persönlicher Erfolg für Bertie (und Logue auch) ist die Rundfunkansprache an seine Untertanen, als er Hitler den Krieg erklärt. Diese Rede, so dramatisch der Inhalt, langsam, leicht stockend vorgetragen, haben mir tatsächlich Tränen in die Augen getrieben. Mein absoluter Favorit für den Oscar für eine männliche Hauptrolle: Colin Firth. Für die männliche Nebenrolle: Geoffrey Rush. Please, dear „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“, pretty please! *** ...und wenigstens ein Wunsch ging in Erfüllung. ...und eigentlich sollte man sich wirklich die Originalversion ansehen. Und HÖREN!

Sonntag, 7. Oktober 2012

"Liebe" ein Film von Michael Haneke

Es ist nicht die Pflicht, es ist Liebe. Es ist nicht die Verantwortung, es ist Liebe. Es ist keine Bürde, es ist Liebe. Es ist die Seele. Da wohnt die Liebe. Ist es nicht absurd für eine wie mich, die Religionen, Gottheiten und Anbetungen jeder Art ablehnt, gerade an so etwas ebenfalls Unsichtbares wie Seele und Liebe zu glauben? Ich habe den Film vom Lieben und Sterben von Michael Haneke gesehen. „Liebe“. Der hat mich überwältigt. Das gelingt nicht vielen Filmen. Bei „Funny Games“ , „Die Klavierspielerin“, „Das weiße Band“ und jetzt eben „Amour“ war das so, aber in einer anderen Weise. Wenige Tage vorher hatte ich „Late Bloomers“ (von Julie Gavras, der Tochter des bekannten Costa) gesehen, und ich war etwas enttäuscht. Wie das oft so ist, wenn man hohe Erwartungen hat. Rosselini und Hurt mimten das sixty-something Ehepaar, das sich mit der (unwillkommenen) Hilfe ihrer drei erwachsenen Kinder auf „das Alter“ vorbereiten will. Diesen Film will ich ja hier gar nicht besprechen, nur soviel: Klischees wo man stand und ging. Eine hollywoodeske „sind wir nicht alle im gleichen Boot“ Märchenstunde über das Altwerden und das Töpfern und „sich ehrenamtlich einbringen“, mit schwachen Leistungen der beiden von mir sonst sehr geschätzten Darsteller. Nun also „Liebe“. Jean Louis Trintignant und Emmanuelle Riva, beide über 80 (im Film wie im wirklichen Leben) spielen das alte Ehepaar Anne und Georges, das in den vielen Jahren miteinander verwachsen ist, und doch stets separate Persönlichkeiten geblieben sind. Vertrautheiten, Rituale, Symbiose. Aber auch immer noch der kleine Flirt, das Kompliment des Mannes an seine geliebte Frau. Obwohl man im ganzen Film nicht „Ich liebe Dich“ hören wird, spürt man sie, die Liebe. Es geht ihnen gut, den beiden. Musikprofessoren, deren Glück es ist, in Konzerte zu gehen, ehemalige Schüler – nun erfolgreiche Künstler – zu Hause zu empfangen, alte Platten aufzulegen. Es gibt eine Tochter, wunderbar gespielt von Isabelle Huppert, die ihre eigenen Sorgen hat, in ihrem eigenen Universum. Man ist eben über 80, einem Alter, in dem man weiß, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird, das ewige Leben, von dem wir alle so tun, als gäbe es das. Glücklich die, denen gute Gene geholfen haben, ohne große Zipperlein bis dahin zu kommen. Dann geschieht es, eine kleine, Sekunden dauernde, Episode, in der Anne einen Aussetzer hat. Sie ist besorgt und lässt sich untersuchen. Eine Operation misslingt, und sie bleibt auf der rechten Körperseite gelähmt. Dabei bleibt es leider nicht. Sie erkennt, dass es auf das Ende zugeht. Anne beginn – zum ersten Mal seit Jahrzehnten, wie es scheint – in alten Fotoalben nach Erinnerungen zu suchen. Ihr Zustand verschlechtert sich rapide. Georges umsorgt sie. Voller Liebe, die spürbar zu jeder Zeit in allen Handlungen präsent ist. Das Gefühl der Gewohnheit kann gar nicht aufkommen, denn alles ist neu für Georges. Keine Arbeit ist ihm zu viel, auch die unangenehmen übernimmt er mit liebender Hingabe. Aber er ist über 80, er ist irgendwann überfordert. Er stellt eine Pflegerin ein, die natürlich keinen Bezug zu Anne hat, und ihre Arbeit routinemäßig verrichtet, lieblos, unpersönlich. Georges feuert sie und sagt ihr deutlich, was er von ihr hält. Was ich an Hanekes Filmen besonders mag, ist, dass er nie sentimentalen Brei zusammenrührt. Keine Träumereien über den schönen, gemeinsamen Abgang. Kein Ritt in den Sonnenuntergang. Kein friedliches Hinübergleiten in eine „bessere Welt.“ Der Anfang des Films ist das Ende des Films. Der Schock kommt sofort, ohne Vorwarnung. Allerdings trägt er uns bis zum Ende der erzählten Handlung. Es ist ja nicht so, als hätten wir nicht gewusst, dass auch dieses Leben, Annes, zum Tode führen wird. Und das von Georges auch. Er wird derjenige sein, der übrig bleibt am Ende dieses Films. Allein, das darf vermutet werden. So ist das nämlich, am Ende sind wir allein, auch wenn da jemand das Händchen hält.

Dienstag, 10. April 2012

Glück

Entlaubt, grau, desolat.
Baum, Himmel, Gegend.
So fängt der Film an und setzt sofort die Stimmung. Schon weiß ich, was ich zu erwarten habe. Irgendwann wird zartes Grün sprießen, blauer Himmel mit entzückenden weißen Wolkenformatiönchen und ein lebendiges Stadtviertel zu sehen sein. Denn schließlich heißt der Film „Glück“ und das muss ja dann auch optisch zu erkennen sein.
Symbolik.
Nun kommt die Vorgeschichte: Irina erleidet ein brutales Schicksal in einem der von Kriegen zerrüttenden Länder Osteuropas. Ihre Eltern werden ermordet, sie wird vergewaltigt. Sie taucht tief in einen Fluss ein. Überlegt sie Selbstmord zu verüben? Will sie die Entwürdigung, die Verletzung abwaschen? Letzteres sag ich jetzt, denn sonst wäre der Film nach 10 Minuten zu Ende gewesen, aber da taucht Irina auch schon in Berlin auf. Wie sie da hingekommen ist, erfährt man im Film nicht. Es steht im Buch „Verbrechen“ von Ferdinand von Schirach, das ich mit großer Begeisterung gelesen habe, und in dem „Glück“ einer von 11 Fällen ist, die er als Strafverteidiger verhandelt hat.
Und hier möchte ich kurz diese Filmbesprechung verlassen, um das Buch zu loben und zu empfehlen. Es ist ein hochspannendes Buch, in einem Stil, den ich gern „bare bones“ nenne. Unverschnörkelt, geradeaus, Fakten. Einfach erzählt, alles Wesentliche ist drin, und dennoch ist es nicht kalt oder unbeteiligt. Ich hab es in einer Nacht gelesen und sofort den zweiten Band „Schuld“ bestellt. Hochgradige Leseempfehlung für beide Bücher.
Zurück zum Film.
Natürlich ist es ein Klischee, dass alle Frauen, die aus den osteuropäischen Ländern kommen, illegal in Deutschland sind und ihr Geld auf der Straße verdienen. Aber das war die Buchvorgabe, und es trifft wohl hier und da für einige Frauen zu, egal woher sie kommen.
Nun trifft Irina (Alba Rohrwacher, sehr überzeugend, zurückgenommen in Gestik und Mimik) den jungen Punker Kalle (Vinzenz Kiefer). Der sieht so aus, wie sich der deutsche Michel den Straßenjungen vorstellt: mit strähnigen Zottelhaaren, mehreren Piercings in Unterlippe und Nase, fadendünnen Klamotten und einer stylischen Bikerjacke mit Nieten. Und mit Hund. Aber unter dieser Fassade steckt ein hübscher Teenieschwarm, der im Laufe der Geschichte das ganze Blech aus seinem Gesicht spurlos entfernt. Keine Stechlöcher, wo die Piercings waren, schön geschnittene Frisur, blankpoliertes Strahlegesicht. Alles aus Liebe zu Irina. Und weil er einen Job hat, für den er im Film aber zu blöd ist. Dass eine Zeitung gefaltet werden müsste, bevor sie in den Briefkasten passt, kann man als obdachloser Punk auch nicht wissen. Ist klar. Dafür hat er aber ein Sixpack, das sicher nicht vom In-Straßenecken-rumhocken kommt.
Kalle und Irina sind glücklich, irgendwie ist es auch egal, dass sie im neuen Einraum-Heim Kundschaft bedient und er nichts gebacken kriegt. Die Liebe siegt. Das ist schön, und wenn ich wogende Mohnblütenfelder sehe, und mittendrin räkelt sich Irina, dann habe auch ich verstanden: das ist das reine Glück. Erwachsene, die glückselig in Kinderschaukeln dem schäfchenbewölkten Himmel entgegenschwingen? Achtung: Glück.

Ein schmuddeliger Punk, der für seine Freundin zum Sauberbubi mutiert? Noch mehr Glück.
Ja danke, ich habe verstanden.
Ist es das Glück, das Herr von Schirach meinte?
Der Film ist gefühlte drei Stunden alt, als es endlich zum dem Ereignis kommt, das von dem Anwalt - im Buch dem Ich-Erzähler von Schirach – vor Gericht verhandelt wird: die etwas unorthodoxe Entsorgung der Überreste (und man darf das wörtlich nehmen) eines dummerweise am falschen Ort zur falschen Zeit durch Herzinfarkt verstorbenen (und offenbar auch einzigen) Kunden von Irina.
Weil auch das in den malerischsten Farben beschriebene Glück irgendwann mal kinematographisch ein Ende nehmen muss, wird dann der eigentliche Kriminalfall in den letzten 10 Minuten zwischen einem Verteidiger (Matthias Brandt) namens Noah Leyden (hä???) und einer namenlosen Anklagevertreterin (Maren Kroymann) schwupp-di-wupp in einem Bistro ausgehandelt. Glück.
Zwischendurch gewährt uns der Anwalt noch schnell einige schnipselige Einblicke in sein eigenes familiäres Glück. Mit einer tollen Gattin und zwei gescheiten Kindern. Zu viel des Guten.
Dass Matthias Brandt, der kaum Möglichkeiten hatte, sein Rolle als Anwalt zu unterfüttern, hier so blass blieb, liegt wohl an der Aufbereitung des Drehbuchs.
Was in von Schirachs kompakte Geschichte hineininterpretiert wurde, ist hanebüchen. Überfrachtet mit Symbolik und überwältigend kitschig.
Allerdings gab es im Film tatsächlich einen Moment, der mich unerwartet berührte: als Irina nach brutaler mehrfacher Vergewaltigung auf dem Tisch liegt und eine weiße mit Lämmchen bestickte Tischdecke komplett über sich zieht. Kitsch? Effekthascherei? Möglich. Für mich war es die einzige Szene, die mich emotional gepackt hat.
Alba Rohrwacher ist ein Lichtblick im Film und ihr allein ist es zu verdanken, dass ich das Kino nicht vorzeitig verließ.
Ich habe ein Interview gesehen, in dem sich Herr von Schirach zufrieden über den Film äußerte. Frau Dörrie hatte große Hoffnungen für den Film bei der diesjährigen Berlinale. Große Erwartungen werden leider oft enttäuscht.
Vielleicht waren meine ja ebenfalls zu hoch, und ich habe mich zu sehr ans Buch geklammert?
Ich hatte meine Freundin, die das Buch nicht kannte, ins Kino mitgezerrt. Gerade WEIL sie das Buch nicht kannte.
Selten waren wir uns so einig.

Sprachlos

Im März war ich acht mal im Kino, und hier steht nichts???
Ich bin entsetzt.
Das wird sich noch diese Woche ändern, bevor ich total verschlumpfe.

Sonntag, 19. Februar 2012

"Gefährten" - (War Horse)

Als ich vor einigen Wochen HIER meine Oscar-Träumereien zum Besten gab, erwähnte ich, dass ich den Film "War Horse" nicht sehen will. Aber was stört mich mein Geschwätz von gestern? Ich hab mich rumkriegen lassen. "Spielberg, Abenteuer, tolles Kriegsdrama, schöne Pferde...." yada yada yada. Kurz: ich ging mit.
Hätte ich doch nur auf meine innere Stimme gehört, die ja nicht immer ein Schweinehund ist.
Dazu muss ich noch sagen: dieser Film ist 146 Minuten lang. Selbst als Ahnungsmathematiker weiß ich, dass das fast drei Stunden sind. Hätte ich doch nur...
Nun gut, ich hab nicht, und hier ist die ganze Misere zusammengefasst:
Der drecksarmer Bauer Narracot (Peter Mullan) im englischen Devon beackert seine karge Farm ohne Hilfsmittel. Er hat einen Teenager-Sohn Albert (Jeremy Irvine), eine besorgte Frau (Emely Watson) und sonst nüscht. Im bröckeligen Farmhaus lebt er zur Miete. Nun kommt diese arme (und dumme) Sau eines Tages auf die abstruse Idee, für 30 Guineas (in den Sechzigern war eine Guinea mal so um die DM20, zur Zeit des WW1 bestimmt mehr) einen Vollblüter zu ersteigern, obwohl er ein Arbeitspferd braucht, das er vor einen Pflug spannen kann. Dafür blättert er seine Lebensersparnisse hin. Die Frau jammert: "Wovon sollen wir die Miete zahlen", von allem anderen mal abgesehen. Der Boden gibt ja kaum was her, was sie ernähren könnte. Der 14-jährige Albert jedenfalls freundet sich mit dem Pferd an ("Black Beauty", "Lassie" "Sea Bisquit" und sogar "Flipper" lassen grüßen), und als es grad so aussieht, als wär alles aus, schafft er es, den Vater in letzter Minute davon abzuhalten, den Zossen abzuballern. Fortan überredet Albert das Pferd "Joey" mit Inbrunst, doch bitte den sauschweren Pflug durchs Feld zu ziehen. Und siehe da, wochenlang steht die gesamte Dorfbewohnerschaft im strömenden Regen am Zaun und schaut zu, wie der brave Joey für seinen Freund Furche um Furche durch den steinigen Acker zieht. Offenbar ist Joey das einzige Pferd im Dorf, und die anderen Farmer haben einfach nix zu tun. Kann ja vorkommen.
Dann kommt der Krieg, der World War I, und weil nun kurz vorher die Ernte auch noch verhagelt war, und das Hungertuch nicht mal mehr für die Familie zum dran nagen reicht, muss Joey verkauft werden. An die Armee. Und dann werden Mann und Maus - ach nee, Pferd nach Frankreich verschifft und die Abschlachterei geht los. Also die der Soldaten. Natürlich geht der treue Albert auch in die Armee und auf die Suche nach Pal Joey. Der ist inzwischen nach fürchterlichen Kriegswirren und -abenteuern von den Deutschen eingefangen und weiterverkauft worden. Danach dann irrt er im Niemandsland herum. Nicht ohne schreckliche Abenteuer zu überstehen. Albert, vorübergehend erblindet, erkennt seinen Joey trotzdem nach vier Jahren wieder, als das treue Ross kurz nach dem Waffenstillstand mal wieder versteigert wird.
Aber, keine Sorge, alles wird gut, und Albert wird mit seinem treuen Joey wiedervereint (einem gütigen Franzosen sei Dank), und sie reiten zusammen in einen Sonnenuntergang (der Klasse „Gone with the Wind) nach Devon. Wie die Cowboys das so in den Western machen, wo zu Hause das treue Weib (Mutter, Schwester, Tochter) am Gatter steht und sich ungläubig dem Heimkehrer entgegenschluchzt.
Gründe, warum ich den Film nicht mochte: dressierte Tiere (ebenso ungern wie dressierte Kinder), die tolle Kunststücke können, weite Schlachtfelder mit vielen herumgestreuten Leichen, Herz-Schmerz-treues-Pferd-lieber Junge-Schnulze, Bombastik in Landschaft, Kriegsgemetzel und Musik und überhaupt.
Für sechs Oscars ist der Film nominiert, unter anderem für "Best Picture". Von mir kriegt er keinen.

Samstag, 28. Januar 2012

The Artist



„We didn’t need dialogue, we had faces“ sagte die unvergessliche Gloria Swanson in ihrer Rolle als Norma Desmond in „Sunset Boulevard.“
Die Stummfilm-Ära ca endete 1929, und nicht alle Stummfilmstars schafften den Sprung zu den „talkies“.
„Wir brauchten keine Dialoge, wir hatten Gesichter“
Wie wahr, wie wahr!
Und was für Gesichter!
Und was für gar keine Dialoge!
Und was für ein Abenteuer, welch tollkühne Idee, in unseren Zeiten der gigantomanischen Farb- und Ton 3D-Mega Dolby Surround Spektakel, in denen sich um Kopf und Kragen geredet, geballert, die Füße wund getanzt und die Kehle heiser gesungen wird, einen Stummfilm zu drehen, und dann auch noch in schwarz-weiß!
Ob Bedenkenträger den Regisseur Michel Hazanavicius gewarnt haben, als er mit der Idee zu „The Artist“ schwanger ging: Tu das nicht, das ist ein Risiko, das will keiner sehen, das ist rausgeschmissenes Geld? Wenn das so war, hat er alle Warnungen in den Wind geschlagen und einfach seinem Gefühl nachgegeben. Welch ein Glück, dass er das Wagnis eingegangen ist. Es ist ein wunderbarer Film geworden. Ein bewegender, inspirierender und sehr unterhaltsamer Film über das Hollywood während des Übergangs zum Tonfilm, vor dem großen Börsenkrach. Ein bisschen Melodram, ein bisschen Romanze, und sehr viel Augenweide.
Box Office Star George Valentin (Jean Dujardin) ist der geschniegelte Charmeur des Stummfilms. Sein fein ziseliertes Oberlippenbärtchen und das breite Grinsen darunter erinnert an Clark Gable, Melvin Douglas oder John Barrymore.
Valentin ist selbstverliebt, charismatisch aber auch ein wenig schlicht gewebt, und er übt sein strahlendes Lächeln vor dem Spiegel. Sein Publikum verehrt ihn. Er ist die Rampensau, die niemals daran denkt, dass sein strahlender Stern je untergehen könnte.
Er prallt im wahrsten Sinne des Wortes auf die aspiring actress
Peppy Miller, gespielt von der hierzulande wenig bekannten Argentinierin Bérénice Bejo, der Ehefrau des Regisseurs Michel Hazanavicius. Ihr Gesicht ist in jeder Szene lesbar wie ein offenes Buch. Sie ist fröhlich und unbekümmert, besorgt und liebevoll, zutraulich und voller Hingabe. Natürlich verliebt sie sich in den großen Star. Das muss so in diesen Filmen.
Während sich das Sternchen Peppy langsam aber sicher in einen leuchtenden Stern verwandelt, kommt schleichend aber sicher die große Wende im Hollywoodianischen Filmzirkus: der Tonfilm. Aber George Valentin erkennt die Zeichen der Zeit nicht, er glaubt nicht daran, dass der Tonfilm eine Zukunft haben kann. Wir wissen ja, wie sich das entwickelt hat.
Jedenfalls macht George nicht mit, bei diesem neumodischen Firlefanz. Er will nicht sprechen. Er dreht auf eigene Faust einen Film, stumm natürlich, ein Flopp natürlich.
Von nun an geht’s bergab. Für Peppy hingegen geht’s weiter steil bergauf, denn sie redet und tanzt, dass mein Herz und meine Sinne mittanzten.
Valentins Untergang ist nur noch eine Frage der Zeit. Kurzer Zeit. Ab hier nimmt der Film den Verlauf, den wir von einer melodramatischen Romanze erwarten, und es ist einfach schön. Natürlich vorhersehbar. Das will man ja auch. Das war das erklärte Ziel der Filmemacher. Zum Schluss gab es ein Happy End. Das erwarteten die Zuschauer und bekamen es. Und das war gut so.
Hier ist vor allem von Bedeutung, WIE das gemacht wird. Wie herrlich diese Geschichte erzählt wird, stumm erzählt wird. Mit dieser etwas überhöhten Darstellung von Emotionen durch Gestik und Mimik, die gewisse Szenen herausheben. Mit dramatisch anschwellender Musik (Anleihen bei Hitchcock, der ja mit crescendierenden Musikeinsätzen Höhepunkte seiner Filme markierte), die die Dramatik unterstreicht.
Ganz besonders beeindruckt haben mich die Passagen, in denen der runtergekommene Valentin sich in seinem Zimmer die alten Filme anschaut, besoffen. Neben ihm in einem Kasten eine Batterie leerer Flaschen. Er steht auf, und sein Schatten wird vom leerlaufenden Projektor an die Wand geworfen. Zur anschwellenden Musik reißt er sämtliche Filmrollen aus den Dosen im Regal, zündet sie an und scheint bereit, ebenfalls in Flammen aufzugehen. Aus der drohenden Katastrophe erwächst das ersehnte Happy End.
Die Besetzung ist ideal. Ich hatte niemals zuvor von Jean Dujardin oder Bérénice Bejo gehört, aber ich werde sie nie wieder vergessen. Penelope Ann Miller ist Valentins genervte Ehefrau mit dem genau richtigen Maß an Verachtung und Irritation. John Goodman, der natürlich auch international bekannt ist, als Studioboss, James Cromwell als Butler: Volltreffer.
Es ist ein Film, der mich froh gemacht hat.
Der bestätigt hat, warum ich Schwarzweiß-Filme liebe.
Den ich mir bestimmt noch einmal ansehen werde.

Samstag, 31. Dezember 2011

Auf ein Neues

In zwölf Stunden willst du starten.
Manche könnens kaum erwarten,
Wünschen Glück, Erfolg und Liebe,
Wie jedes Jahr, was für die Triebe.
Ich wünsch mal nix, ich warte leise,
Dein Plan folgt deiner eignen Weise.
Es wird so sein wie jedes Jahr:
Freude, Schrecken und ein paar
seltne Glücksminuten auch,
Schmetterlingenflug im Bauch.
Und (nicht melancholisch werden):
Fried auf Erden.

Dienstag, 1. November 2011

The Ward

ein Gruselschockerchen hier zu lesen:

href="http://www.revierpassagen.de/5618/john-carpenters-the-ward-ein-november-gruselchen/20111101_1719"

Samstag, 22. Oktober 2011

What a Man - Matthias Schweighöfer - Kassen lügen nicht

Also Kinokassen. We have a winner. Über eine Million Zuschauer. Das hat bei deutschen Filmen Seltenheitswert.
Aber von vorn: Da war es wieder, dieses (kalendarische Sommer)-Loch. Das ist für Kinofreunde besonders dann unerfreulich, wenn man wegen des Regens gern öfter mal ein paar Stunden im Kino verbringt. Es gab aber außer „Midnight in Paris“ rein gar nix, was ich hätte loben können. Alles andere was es zu loben gab, habe ich schon abgearbeitet und ist inzwischen auch Oscar bestückt.
Da war der verregnete Juli, und da hab ich mich quasi geopfert und „What a Man“ angeschaut. Man, oh man!
Nun ist ja Herr Schweighöfer ein veritabler Schauspieler, der mir unter anderem als Marcel Reich-Ranicki in „Mein Leben“ gut gefiel. Und auch sonst so schon.
Jetzt hat er sich der im deutschen Film nicht als Königsdisziplin berühmten Sparte Komödie angenommen. Kann man machen, müsste man aber nicht. Außer man heißt Woody Allen. Oder Loriot.
Aber ich will gar keine Vergleiche zu anderen Regisseuren heranziehen. Das wär vielleicht nicht fair. Schweighöfer fängt grad erst mit der Regie an. Aber was hat er sich nur dabei gedacht? Vermutlich nichts. In einem Interview fürs TV hörte ich ihn sinngemäß so in etwa plappern: „Da ham wir uns hingesetzt und die Story im hoppigaloppi zusammengeschmissen“ . Check. Hoppigaloppi. Zusammengeschmissen.
Alex (Matthias Schweighöfer) und Carolin (Mavie Hörbiger) sind ein Paar. Lehrer Alex ist das, was ich gern mal mitleidig als milque toast bezeichne. Ein beta bis delta Männchen. Was Wunder, dass das schnieke Model Carolin, blond bubikopfig gestyled, sich einen Anderen an Land zieht und das Milchbrötchen Alex muss ausziehen. Der flüchtet zu seiner WirSindGuteFreunde-Freundin Nele (Sibel Kekilli). Nele ist so ein in-Name jetzt, Neles sind immer prima Kumpels, total anständig, lieb und verständnisvoll, wenn auch ein bisschen verrückt. Verrückt mögen wir, denn wenn man verrückt ist, dann ist man auf jeden Fall kein Spießer. Und schließlich will Nele nach China, um dort Tiere zu schützen, Pinguine, wenn ich nicht irre, und außerdem um sich selbst in die schützenden Arme ihres französischen Freundes Etienne zu werfen. Das ist doch überhaupt nicht spießig, oder?
Sobald man den Überblick über die Aufstellung hat, weiß man auch schon, wie das weiter geht, und wo das hinführt. Das ist die Konstellation, aus der man die lustigsten Beziehungskomödien stricken kann. Vorausgesetzt, der Regisseur und der Autor können gut stricken. Hier wurde gestickt, bestenfalls gehäkelt. Dialoge, die ich hätte mitsprechen können, so voraussehbar waren sie. Ein paar Schenkelklopfer, ein paar Stammtischplattitüden zum Thema, kein Klischee, das nicht bedient wurde; man kennt das ja. Gut, ich hab da tatsächlich einige Male spontan mitgelacht, weil manche Witze auch zum 30sten Mal komisch sind. Aber sonst? Alles so, wie man ahnt. Viel abgedroschene Kalenderweisheiten. Vom Sexunfall bis zum letzten Gehechel zum Flughafen und dem beinahe und huch und ja doch und na sowas, etc pp.
Am besten von allen Darstellern hat mir Elyas M’Barek als Alex’ bester Freund Okke, Fachberater in Sachen Beziehungen, Sex, et al gefallen. M’Barek war mir schon in der TV-Serie „Türkisch für Anfänger“ sehr angenehm aufgefallen. Da kommt hoffentlich mehr.
Sibel Kekilli war mir ein bisschen fremd als die Pinguinaffine Tierschützerin und Strickliesel Nele. Aber das ist meine Schuld, ich hab sie noch so fest in meinem Hirn aus „Gegen die Wand“. Da muss sie einfach mal raus, dann kann ich sie bestimmt unvoreingenommener ansehen.
Fazit: Diese Komödie ist nicht die Krone des deutschen Humors, aber so grottenschlecht ist sie auch nicht. Als Schweighöfers Regie-Erstling etwas enttäuschend. Da hab ich mehr erwartet, aber das ist allein meine Schuld.
Harmloses, leichtes Sommerkino. Also DVD kaufen, Pantoffeln an, Chipstüte, Bier. Feddisch.