Montag, 27. Dezember 2010

"The Kids are All Right"

„Wo komme ich her, wo gehe ich hin, und was mach ich, wenn ich da bin?“ Das ist die Frage, die der 15-jährige Laser (Josh Hutcherson) nicht nur sich, sondern auch seiner gerade 18 gewordenen Schwester Joni (Mia Wasikowska) stellt. Sie wissen zwar, dass sie beide von Samenspenden ein und desselben Mannes stammen, dessen Namen nur dem Kryo-Labor bekannt ist. Die Eltern wollen sie nicht fragen. Es ist ihnen peinlich, sie sind beide etwas verklemmt, aber besonders Laser drängt immer wieder. Er ist eben erst 15 und „darf nicht“ anrufen, aber Joni mit 18 darf und tut: ruft also eines Tages bei der Samenbank an, die ihr nach Rücksprache mit dem Spender den Namen preisgibt. Der Spender Paul (Mark Ruffalo) trifft sich mit den beiden, alles ein bisschen ungelenk aber doch sehr „cool“, wie Joni, Laser und Paul nicht müde werden, sich gegenseitig zu bestätigen. Und wie viel hast du damals dafür bekommen, für... na ja, dings...? fragt Laser. $60, sagt Paul. Laser ist enttäuscht, mehr nicht? Ach, beruhigt Paul, damals war das viel Geld, heute wären das $90. Und wie oft... ähem? "Two shots", zwei Schüsse, sagt Paul. Aha, ja ja, soso. Mehr Fragen haben die beiden erst mal nicht. Aber Paul interessiert sich für seine plötzlichen Kinder, und will wissen, was die beiden so treiben. Laser das Übliche, Base-, Basket- & Football, Joni lernt halt gern und geht nach den Sommerferien aufs College. Das erste Treffen bleibt zäh und verhalten, aber, ja ja, man kann das wiederholen, ja ja, alles cool, und „Laser, das isn richtig cooler Name“, sagt Paul, ja ja, das findet Laser auch, total cool.
Sie treffen sich wieder und irgendwann müssen die Eltern eingeweiht werden.
Die Eltern Nic (Annette Bening) und Jules (Juliette Moore) sind seit rund 20 Jahren zusammen, inzwischen ein verheiratetes Paar. Sie führen ernste und heitere Gespräche im Bett, haben sich lieb und ziehen sich zur Anregung gern mal hard core gay Pornos rein (was ich nicht so recht verstehe, weil ich immer dachte, lesbische Frauen stehen nicht so auf Penisse, aber man lernt nie aus). Sie hängen im unglamourösen Alltagslook auf dem Sofa ab, sehen fern, kabbeln sich, planen den Tag, und kümmern sich. Wie ein eingespieltes Ehepaar das eben so macht. Es geht um die Kinder. Laser treibt sich mit dem schlunzigen Clay rum, und die Eltern befürchten Schlimmes: entweder kiffen die Kids, ziehen sich Drogen rein oder sind schwul und „explorieren“. Jonis beste Freundin ist eine blöde Zicke und ein schlechter Einfluss.
Es geht zu wie in einem „ganz normalen“ Haushalt, und es ist ein normaler Haushalt. Eingespielt und mit den üblichen Ecken und Kanten. Außer, dass wenn die Kinder von den Eltern sprechen, sagen sie nicht „unsere Eltern“ sondern „our Moms“.
Jedenfalls lernen „our Moms“ den Spender-Paul kennen, der ein gut gehendes Restaurant hat und eine rassige Ab-und-zu-Freundin. Allerlei Dinge entwickeln und unentwickeln sich. Zwischen den „alright-kids“, den Moms und dem Spender-Paule. Irrungen und Wirrungen, die jeder kennt, kleine Seitensprünge, kleine Lüger- und Betrügereien. Ein bisschen überraschter, überraschender, verschwitzter und desparater Sex. Das Übliche halt.
Das alles sind die Zutaten für ein hollywoodeskes Beziehungsdrama. Aber einerseits die nicht dem Standard entsprechende Paarung der Eltern, und andererseits die flotten Dialoge machen ein Vergnügen aus dem Film. Clever, schlagfertig, amüsant.
Juliette Moore gefällt mir ja meistens. Annette Bening, ein wenig herb als alleinverdienende Ärztin, hat eine starke Szene am Abend des gemeinsamen Essens bei Paul, wo sie die schockierende Entdeckung macht, das Jules ein Heteroverhältnis mit Spender-Paul hat. Was zur erwarteten Krise führt. Deren Auflösung am Ende war okay so wie sie war. Sie hätte auch anders sein können, was sicher ein hocherhobener, traditionsgeladener Christliche-Werte-Finger in den Ärschen der Sesselfurzer gewesen wäre.
Ausnahmsweise mal ein Lob an die Untertitler! Ich hab die OmU-Version gesehen, und die waren nicht nur korrekt sondern auch Redewendungen wirklich treffend übertragen. Da kann ich nur hoffen, dass die Synchronisateure das 1 : 1 übernehmen.
Kein großes Kino, aber schönes Entertainment, eine gute Story heiter erzählt, sehr gute Darsteller, hin und wieder etwas nerviger Sound track.
Ich hab mich keine Minute gelangweilt, aber ich hab mich jede Minute gut amüsiert.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

There's just no point hating someone you love.

Nowhere Boy
Da fang ich gleich mal mit einem „eigentlich“ an, nämlich dem, dass ich BioPics nicht so sehr mag. Und nun hab ich mich überrascht, denn ich mag diesen Film.
Vielleicht liegt es daran, dass hier eine Geschichte erzählt wird, die nicht die Karriere des Musikers John Lennon zum Thema hat, sondern einige Jahre seiner Jugend. Es hätte ein Lebensabschnitt von irgendeinem, unberühmt und unrühmlich lebenden Jungen sein können. Und es ist ein Film, bei dem ich mitten drin saß im bürgerlichen Wohnzimmer mit Leuten, wie ich sie auch kannte. Wie sie bestimmt jeder kennt.
Der junge John lebt bei Tante Mimi und Onkel George. Mimi ist fürsorglich aber sehr unterkühlt, was bei Kristin Scott Thomas irgendwie immer ganz von selbst kommt. Mit George versteht John sich prima, Mimi nervt ihn. Als Onkel George ganz plötzlich tot umfällt, ist John am Boden zerstört, er ist verletzlich, verunsichert. Mitten rein in diese Seelenpein erfährt er unvermittelt, dass seine Mutter Julia – Mimis Schwester - die ganzen Jahre nur ein paar Straßen weiter gewohnt hat. Da hat sie eine neuen Mann und zwei neue Kinder: Julia und Jackie, Johns Halbschwestern. John ist überwältigt von dieser Konstellation, aber auch bitter, weil die Mutter so nah wohnte und ihn offenbar nicht wollte, weggeben hatte, als er ein kleiner Junge war. Aber Mutter Julia freut sich wie Bolle. Endlich hat John zu ihr gefunden. Ihre Freude äußert sich auf eine merkwürdige und nicht unbedingt mütterlich scheinende Art. Sie kennen sich nicht und verhalten sich augenscheinlich mehr wie ein Liebespaar als wie Mutter und Sohn. Sie flirtet ihn an, bezirzt ihn, tanzt ihn an. Sie singt für ihn, aber sie bringt ihm auch das Banjospielen bei. Sie nimmt ihn mit zu Rock ’n Roll-Konzerten, er ist begeistert von der neuen Musik, und als er im Kino Elvis Presley sieht, weiß er, welche Musik er machen will. Er gründet eine kleine Band mit Schulkameraden, die ebenso wie er lieber die Schule schwänzen. Sie tingeln durch die angesagten Clubs ihrer Heimatstadt Liverpool. Paul McCartney war dazu gekommen, später George Harrison. In dieser Zeit kommt es zuhause zur Eskalation. Von seiner Mutter Julia will er endlich die Wahrheit über seinen Vater wissen, und warum er als Fünfjähriger bei Mimi landete, von der sie behauptet, sie habe ihr John „gestohlen“. In einer dramatischen Szene offenbaren sich die Hintergründe.
Das ist einer der berührenden Teile des Films. Die Aussprache der beiden Frauen, Johns Erkenntnis und die fast friedliche Akzeptanz. Befreit, öffnet sich Mimi und zeigt eine liebevolle, fürsorglich mütterliche Seite. Als hätte dieses show down ihre und auch Johns Zerrissenheit befriedet.
Der andere Moment, nein, es waren eigentlich drei, die in Sekundenschnelle aufeinander folgten und mir spontan die Tränen in die Augen trieben, waren Julias Unfall, die Trauerfeier, Johns kurzer Ausraster, und einer Umarmung von Paul.
Es ist kein Film über die frühen Jahre der Beatles. Paul und George scheinen quasi zufällig mit John zusammenzukommen. So, wie man sich eben zufällig in einer Schule trifft. So, wie hunderte von kleinen Bands entstehen. Es ist zufällig ein kurzer Ausschnitt über John Lennons Jugend. Eine turbulente und emotional geladene Zeit, die ihn geprägt hat. So, wie wir alle von bestimmten Perioden in unseren Leben geprägt werden. Es ist ein Film über einen pubertierenden Jungen: traurig, euphorisch, unglücklich, kämpferisch. Seine Erlebnisse und Stimmungen finden sich in seiner Musik und seinen Texten wieder. Aber wer weiß, hätte er eine glückliche, behütete Kindheit bei seiner Mutter gehabt, wäre er dann der Beatle John Lennon geworden?
Mir hat der Film gefallen. Ein kleines Familiendrama.
Ohne Melodrama.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Vorgetäuschter Orgasmus

"Ich sehe den Mann deiner Träume" von Woody Allen
Woody und ich, wir waren wie die Tauben... ach nee, das ist ja n anderes Stück. Aber mal im Ernst: zwei New Yorker, die ihre Stadt lieben, da fühlt man sich doch verbunden. Ganz im Gegensatz zu mir kann er auch schöne Filme darüber drehen. Und wie sehr wünschte ich mir, dass er das auch weiterhin täte. Aber mich fragt ja keiner. Also unternimmt er alle paar Jahre Ausflüge ins europäische Ausland. Den Geschichten, die er erzählt, sollte das eigentlich nichts anhaben, denn sein Thema ist immer die Suche nach dem Glück, nach Liebe, nach Zufriedenheit. Da wäre es doch eigentlich egal, in welchem Kontinent sich die Geschichte entwickelt. Besonders, wo es diese Art von Irrungen und Entwirrungen überall auf der Welt gibt. Aber ich hab halt bei den europäischen Filmen immer den Eindruck, als spielten die Drehorte auch eine bedeutende Rolle. Oder ist es nur ein „Extra“, ein bisschen sightseeing und highlife für die Darsteller und die Crew? Egal. Außerdem bin ich schon so was von abgeschwiffen bevor ich überhaupt ein Wort zum Film gesagt hab. Dieser Film jedenfalls spielt in London, was allerdings hier keine Rolle spielt. Außer vielleicht für die Architektur.
Also ja, es ist schon ein echter Woody was die Thematik und die Ausführung angeht. Der Moderator stört mich etwas. Einer, der weiß, was Sache ist, warum es so ist, wie es ist, und warum die Protagonisten so handeln wie sie handeln. Hat son bisschen was von „Sendung mit der Maus.“
Es geht hier um Helena (Gemma Jones), die gerade von ihrem Mann (Anthony Hopkins – altert „schön“) nach 40 Ehejahren verlassen wurde. Er fühlt sich noch nicht alt genug für Helenas beschaulichen Lebensstil und hat ne langbeinige, blonde „Schauspielerin“ – the charming Charmaine (Lucy Punch) - aufgerissen. Die verwöhnt er nach Strich und Faden, wobei das Wort „Strich“ in dem Zusammenhang eine durchaus berechtigte Doppeldeutigkeit vermuten lässt. Er heiratet sie.
Helena ist etwas schrullig und nervt ihre Tochter Sally (Naomi Watts), die sie quasi aus Notwehr einer selbsternannten Wahrsagerin auf den Hals hetzt. Die prophezeit Helena einen „tall dark stranger“, und Helena schaut hoffnungsfroh in ihre Zukunft.
Sally hat selbst Probleme mit ihrem Mann Roy (Josh Brolin), der nach einem Erstlingserfolg seit Jahren an einem zweiten Buch rumdrukst. Ohne sichtbares Ergebnis. Sie leben von Helenas Geld, zoffen sich ohne Unterlass, und er gibt ihr die Schuld daran, dass er nicht mehr schreiben kann. Sie haben das Interesse aneinander verloren. Es ist ohne seherische Fähigkeiten vorhersehbar, dass Roy sich in eine schöne neue Nachbarin, Dia (Freida Pinto), verliebt, und Sally wirft mehr als ein Auge auf ihren neuen Boss Greg (Antonio Banderas). Hier gibt es noch einige Verwicklungen, die der armen Sally doch sehr zusetzen, und die nicht so richtig gut für sie enden.
Dass Dia sich gegen ihren Verlobten und für den windigen Roy entscheidet, überrascht wahrscheinlich nur mich. Charming Charmaine nimmt den verblendeten Alfie aus wie eine Weihnachtsgans. Während er die Minuten bis zum Eintritt der Wirkung seiner Viagra-Ration zählt, vergnügt sie sich mit feschen, jungen Kerls aus der Muckibude. Sally hat schnell eine Meinung von der Actrice: „The only acting she’s ever done is fake an orgasm“.
Von Anthony Hopkins und Naomi Watts bin ich gleichermaßen begeistert. Gemma Jones war großartig, die hatte ich lange nicht mehr gesehen, und Josh Brolin überraschte mich einmal mehr positiv.
Woodys Message: Die Suche nach dem Glück ist eine unendliche Geschichte. Auf dem Weg zum Glück begeht man einfach zu viele Dummheiten, um es je in seiner reinen Form zu erleben. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, mit dem glücklich zu sein, was man hat und nicht was man sich wünscht.
Obwohl der Film aus der Perspektive eines unbeteiligten Beobachters erzählt wird, habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Ein witziges Melodram, das ein gefühlsmäßig verzwirbeltes Bildungsbürgertum in gedämpften Beigetönen mit sanfter Musik untermalt und bei dem eigentlich nur die verpeilte Helena am Ende gut wegkommt.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Geschwätzigkeit ist aller Kriege Anfang

„Fair game“ heißt der Film, denn ich heut Nachmittag im Metropolis Köln in der Originalfassung gesehen habe. Fair game heißt Freiwild, und bevor Valerie Plame Wilson (Naomi Watts) und Joe Wilson (Sean Penn) wirklich dazu werden, vergeht mehr als eine Stunde.
Aber gut, so ein Plot muss sich aufbauen. Das braucht halt seine Zeit.
Val Plame, Ehefrau des früheren amerikanischen Botschafters in Niger, Joe Wilson, ist eine Undercover-Agentin der CIA. Sie hat ein properes Informanten-Netzwerk in Bagdad und gibt die Resultate ihrer Auskundschaftungen auftragsgemäß ins Hauptquartier weiter. Soweit läuft alles smooth. Zuhause hat sie zwei kleine Kinder, das Eheleben läuft ebenfalls smooth, bis auf die Tatsache, dass beide Eheleute überarbeitet sind und sich zu wenig sehen. Wie so was halt so ist.
Im Fernsehen tönt Baby Bush rum, dass Saddam Hussein dabei ist, Atombomben zu basteln, man habe Beweise und nieder mit dem Bastard, der unschuldige Amerikaner umbringen will. Man schickt also Joe Wilson nach Niger, um auszukundschaften, ob es stimmt, dass Saddam dort 500 Tonnen von dem dafür benötigten Uran eingekauft haben kann. Wilson mag das nicht glauben, er kennt das Land aus seiner Botschafterzeit, fliegt hin und stellt eindeutig fest: Kein Stück! Schon rein logistisch unmöglich: Abbau und Transport – no way. Also zurück marsch-marsch, Bericht erstatten: nix is, kein Uran für Saddam. Aber der Bericht wird unter den Tisch manipuliert, und wenn Bush jr. sich mal was in den Kopf gesetzt hatte, kriegte man das auch mit vernünftigen Argumenten nicht mehr raus. Also, wird Bagdad gebombt.
Inzwischen arbeitet Valerie daran, einige ihrer irakischen Informanten und Verwandte einer befreundeten irakischen Ärztin aus Bagdad rauszuholen. Das Resultat ist bekannt, es klappt nicht, der Plan wird verraten und viele, viele Iraker, die vor Saddam fliehen wollen, sterben. Irgendjemand hat durchsickern lassen, dass sie eine Undercover-Agentin der CIA ist, und was noch schlimmer ist, es wird der Presse zugesteckt. In der ganzen Welt kann man es lesen. Ihre Deckung ist aufgeflogen. Dazu kommt noch der Vorwurf, sie hätte dahinter gesteckt, ihren Mann nach Niger zu schicken. Ab sofort sind sie „fair game“, Freiwild. Der Spießroutenlauf beginnt.
Nun beruhen diese Vorgänge ja auf Tatsachen. Valerie Plame gibt es wirklich, und sie und ihr Mann Joe Wilson sind ein Teil dieses traurigen Abschnitts der amerikanischen Historie. Daran erinnert mich nun der Film immer wieder, indem unentwegt TV-O-Töne eingespielt werden. Ganz kurz nur, vielleicht 30 Sekunden, und schwupps, zurück zur Filmstory. Auch die wird mir mit gefühlten 500 Vidclips mit Unterhaltungsfetzen, Kriegsbildern, Bombenprasseln um die Ohren gehauen. Eine Art cinematographisches Daumenkino (die oft schlunzigen und fahrigen Einstellungen sind vermutlich beabsichtigt, um eine Authentizität der Berichterstattung herzustellen). Dass mich das störte, mag auch daran liegen, dass ich mit all den blitzartig eingeblendeten Herren Regierenden und Intrigierenden namentlich nicht so vertraut bin, und vor allem auch von den Mechanismen der politischen Puzzlelei keinen Dunst hab, also der amerikanischen. Bin ja schließlich schon mit den deutschen Kasperles überfordert.
Alles in Allem ist das kein Film, den ich guten Gewissens empfehlen möchte, und ich vermute auch mal, dass er hier im Lande nicht so der Renner wird. Es sei denn, es finden sich noch mehr solche wie ich, die trotz mancher Bedenken einfach Naomi Watts und Sean Penn gerne bei der Arbeit zusehen. Und die verrichten sie wirklich famos. Watts spielt die Agentin schnörkellos, effizient und glaubhaft. Penn packt mehr Rage in seine Rolle als aufgebrachter Botschafter, der zusehen muss, wie ein unfähiger Präsident einen Krieg anzettelt und sorglose Bürokraten seine Karriere und die seiner Frau ruinieren. Und dass diese Situation der Ehe nicht gut tut, liegt auch auf der Hand.
Nun ist der Ausbruch des Irak-Kriegs gute acht Jahre her. Die Aufdeckung dieser Intrige ist auch nicht neu. Gut, sage ich, dass alles ans Tageslicht kam. Das meiste davon ist tatsächlich so geschehen, einiges ist Fiktion. Unterm Strich kann mir das ja egal sein. Aktuell erinnert mich das an den Hype, der grad durch Wikileaks ins Rollen gebracht wurde. Da nicken wir alle weise mit unseren Häuptern und hatten es doch schon immer gewusst, dass alle Politiker verlogen, verblödet und korrupt sind, und dass auch in diesen Kreisen geklatscht und getratscht und gelästert wird wie in den guten alten Kaffeekränzchen.
Nichts anderes als das lose Mundwerk eines Regierungsbeamten hat letztendlich diese Tragödie erst möglich gemacht. Und sicher viele andere davor und danach.
Wär vielleicht gar nicht so schlecht, den Slogan des 2. Weltkriegs wieder auszugraben:
„Loose lips sink ships.“
PS: Drei bis vier goldene Sterne für Watts und Penn.

Freitag, 12. November 2010

Somewhere

Normalerweise aktivieren Aussagen wie: „Ein leiser, kleiner Film“ sofort meine Würgereflexe. Hier nicht. Und dieser Sofia Coppola-Film IST ein leiser Film. Es wird wenig gesprochen. Und auch wenig gesagt. Es wird so vor sich hin gelebt ohne Ziel, ohne Zweck und ohne erkennbaren Sinn.
Da sind also Johnny Marco (Steven Dorff), ein angesagter Hollywood Beau und einige Menschen, die sein leeres Leben zeitweise bevölkern. Sein Apartment im Hotel Marmont ist eine Art Durchgangsbahnhof. Die Menschen, die er kennt, die ihn kennen – beruflich – kommen und gehen, manchmal sagen sie was, es ist bedeutungslos. Johnnys Leben ist bedeutungslos. Man sieht ihm zu, wie er mit seinem schicken Ferrari im californischen Hinterland mit viel Getöse seine Runden dreht. Man sieht ihm zu, wie er sich damit beschäftigt, vor dem Fernseher zu sitzen und fernzusehen. Wie er sich damit beschäftigt, über den Darbietungen von Pole Dancers, Call Girls und Zufallsbekanntschaften einzuschlafen. Es sieht aus, als schliefe er ein, als man von seinem Gesicht einen Gipsabdruck macht. Die Kamera hält reglos auf seinen gipsvermatschten Kopf. Er ist gefangen, eingemauert, in bedrückender Einsamkeit.
Hier und da trifft er sich mit seinem Stab, die erzählen ihm, wo er hin muss, was er sagen muss, alles kurz und ruhig, und weg ist er wieder. Kein bisschen Hektik.
An einem dieser ereignislosen Tage ist seine elfjährige Tochter Cleo willkommener Besuch. Zum ersten Mal merkt man, dass er sich wirklich für etwas, für jemanden interessiert. Er sitzt hinter der Bande und sieht zu, wie Cleo elegante Figuren auf das Eis kratzt. Man erkennt, dass er sich auf sie einlässt, sich mit ihr beschäftigt, und dass ihm die gähnende Leere seines Alltags eins auf die Zwölf gibt. Die väterlichen Besuchstage weiten sich plötzlich aus, als seine geschiedene Frau Layla das Kind eines Tages bei ihm abstellt und „auf ungewisse Zeit“ verschwindet. Sie „muss mal weg“, sie weiß nicht, wann sie wiederkommt.
Also bindet Johnny Cleo ohne sichtbare oder spürbare Aufregung in sein Leben ein, das dadurch plötzlich Inhalt bekommt. Auch auf der Reise zur italienischen Preisverleihung ist sie dabei. Alles läuft smooth. Sie haben eine gute Zeit miteinander, sie mögen sich. Cleo macht alles mit, Cleo ist cool. Nur einmal bricht ein Tränenschwall aus ihrem kleinen Kindergesicht. Sie vermisst die Mutter und hat Angst, dass sie vielleicht nie wiederkommt.
Cleo wird gespielt von Elle Fanning, der kleinen Schwester von Dakota Fanning aus „I am Sam“. Ein sanftes Kind, ein begabtes Kind. Steven Dorf als Johnny Marco ist mir bisher noch nie aufgefallen, und das gleiche gilt für die Schauspielerin, die Cleos Mutter Layla spielte, deren Namen ich nicht mitbekommen habe.
„Somewhere“ ist kein Film mit besonderen Höhen und Tiefen. Ach doch, vielleicht mit einer Tiefe. Mit dem tiefen Abgrund der Einsamkeit. Er ist auch ein bisschen biografisch. Ich kann mir vorstellen, dass Sofia Coppola - als Tochter des Regisseurs Francis Ford - das Hollywoodleben mit seinem Glitz and Glam von Kindesbeinen an kennt.
Der Film erinnert natürlich an „Lost in Translation“. Einsamkeit auch hier. Das könnte das Thema der Frau Coppola werden. Mir gefällt, wie sie das in Bilder verwandelt. Eindringlich.
Wer Action, Humor, Liebe, Lust und Leidenschaft erwartet, sollte nicht hingehen.
Und sobald das Röhren des Ferrari-Motors verendet, ist es wirklich ein leiser Film.

Sonntag, 31. Oktober 2010

Gainsbourg - ein heldisches Leben

Ein Film, den ich mochte. Die Geschichte ist schön erzählt, anschaulich – na gut, muss ja, ist ja Kino. Mir gefällt hier ganz ausdrücklich der Mix von straight Kino und Animation, obwohl ich freiwillig in keinen Animationsfilm gehe.
Als ich noch mitten im Schwärmalter war, kam Gainsbourg grad recht als Objekt meiner Begierde. Nicht nur so schön hässlich, sondern auch skandalös. A bad boy! Weibergeschichten mit dem „who-is-who“ im französischen Show-Zirkus.
Über den Mann Gainsbourg oder seinen Werdegang wusste ich nichts. Heute erfuhr ich etwas über das, was ihn ausmachte, und vielleicht ein bisschen davon, warum er so war wie er war. Sein Leben wird in Episoden erzählt, in denen eine aufgeplusterte Fratze als unsichtbarer Schatten seine Kindheit begleitet, und ein rabenvogelartiger Spinnenmensch mit überdimensionierter Nase und elefantösen Ohren das alter ego seines Erwachsenen-Daseins darstellt. Ein tollkühner „Harvey“, den er Gainsbarre nennt, und der ihm ordentlich Feuer unter dem Hintern macht und zum Draufgängertum anstachelt.
Als Sohn russischer Immigranten lebt er in Paris, muss unter der strengen Aufsicht des Vaters Klavier spielen lernen und sich außerdem vor den Nazis im Wald verstecken. Dass er ein lockeres Mundwerk hat, beweist er früh, als er zur Verteilersteller der deutschen Besatzer geht, um sich als erster seinen Davidsstern abzuholen. Er bietet seine „Beziehungen“ an, um „die Karriere“ eines der Offiziere zu „fördern“.
Er raucht, er säuft, er stellt den Frauen nach. Er schreibt Musik, er ist der Piano man in Bars. Und er malt. Er ist unauffällig verheiratet. Er trifft und liebt Juillette Greco, France Gall, Brigitte Bardot und manche andere. Er heiratet in zweiter oder dritter Ehe Jane Berkin, singt mit ihr das berühmte, und seinerzeit skandalöse „Je t’aime“, das er ursprünglich mal für BB geschrieben und auch mit ihr gesungen hatte. Die wollte aber nicht, dass Gainsbourg das veröffentlichte, denn sie war damals mit Gunther Sachs verheiratet und eine rücksichtsvolle Ehefrau. Also ziemlich rücksichtsvoll, son bisschen rumbubeln mit dem wilden Serge ging ja wohl immer. Auch die Ehe mit Jane geht nicht gut. Sie trennen sich und dann trifft er eines nachts versoffen in einer Bar eine gewisse Bambou, mit der er dann im Weiteren auch verheiratet ist und ein Kind hat.
Der junge Serge wird von einem total unniedlichen und unbekannten Jungen (Kacey Mottet Klein) wunderbar gespielt. Es gefällt mir gut, dass man immer öfter davon absieht, fotogene Zauberkinder vor die Kamera zu zerren. Es gibt wunderbare Musikszenen, und eine gewisse Coco, die dann nicht weiter erwähnt wird, mit der er in einer Kneipe singt, sieht aus, wie ich immer dachte, dass Liz Taylor im Alter aussehen würde, was sie nicht tat. Das mal nur nebenbei.
Für mich ein absolutes highlight war der kurze Auftritt von Joann Sfar, dem Regisseur, als George Brassens, einem Sänger, dessen Musik ich sehr liebe.
Laetitia Casta als Brigitte Bardot gefiel mir gut, Lucy Gordon als Jane Birkin war mir eine Spur zu farblos. (Die Schauspielerin Gordon hat sich im vorigen Jahr das Leben genommen.)
Eric Elmosnino, der den Gainsbourg spielte, war sehr treffend gecastet und einfach großartig.
Der Originaltitel „Gainsbourg – vie héroique“ bedeutet wörtlich „Gainsbourg - heldenhaftes Leben“. Stattdessen in Deutschland wieder so ein Lullititel: „Der Mann, der die Frauen liebte“ blablabla... hätte auch von SAT1 sein können.
Aber dem Film tut’s keinen Abbruch. Eine gut umgesetzte Musiker-Biografie, die der Joann Sfar da erzählt hat. Zwei Stunden sehr schöne Unterhaltung. Hat mir gefallen – vier Daumen hoch.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Körperteile

Eines meiner Lieblingsthemen in den letzten Jahren ist die Entsorgung sterblicher Überreste. Hauptsächlich meiner. Über andere habe ich ja nicht zu entscheiden. Aber selbst wenn ich da gewisse Vorkehrung treffe und die per Patientenverfügung für die Nachwelt hinterlasse – eine Garantie, dass es so gemacht werden wird, gibt es nicht.
Das liegt vor allem an den Bedenkenträgern, den Ethikern, den Klerikern, den Juristen. Und auch an Oma Krause und Tante Käte, die son Schweinkram von vorne herein ablehnen. Besonders, wenn es sich um meine Oma Krause und Tante Käte handelt. Das ist hypothetisch jetzt. Oma und Tante weilen nicht mehr unter den Lebenden, aber ich weiß, dass sie strikt gegen solche „Abartigkeit“ waren.
Die Bedenken kann auch ich nicht so einfach vom Tisch zu wischen, denn wer möchte schon auf einer Metallplatte wach werden und feststellen, dass plötzlich lebensnotwendige Sachen fehlen. Die Augen, die Lungen oder gar das Herz. Gut, in dem Falle würde man nicht mehr aufwachen. Aber ohne die anderen Innereien könnte man erst mal wieder wach werden.
Was für ein Horrorszenario: Die Ärzte könnten sich geirrt haben. Ein überarbeiteter Notarzt zum Beispiel, der schon seit 20 Stunden Dienst schiebt, erklärt dich für tot, die Dokumente sind ausgefüllt. Du bist amtlich mausetot. Du hast einen Organspenderausweis. Du standest zur Zeit deines Ablebens voll im Saft. Alle Organe funktionierten. Und als du den Organspenderausweis unterschrieben hast, dachtest du doch nie im Leben daran, dass man dich so bald deiner Ersatzteile erleichtern würde.
Da liegst du also dann auf dem Tisch. Die Nieren sind weg. Für den Rest hatte man noch keine Zeit. Aber die Nieren sitzen schon in einem anderen Körper. Was nun? Dem anderen kann man sie schlecht wieder wegnehmen. Also kommst du an Schläuche. Und das ist doch genau das, was du nie wolltest. Deshalb hattest du eine umfangreiche Patientenverfügung unterschrieben. Und was dann? Wartest du auf neue Nieren, für die dann auch erst wieder einer sterben muß. Und hoffentlich sind es dann auch frische Nieren, und nicht alte Schrumpelnieren von einem Seniorenheimbewohner.
Das geht doch nicht?
Und wie das geht. Es gibt nämlich keine Altersbegrenzung im Organspendenwesen. Die Ärzte sprechen Empfehlungen aus, wenn sie den Patienten beim Ausfüllen der Papiere helfen. Beziehungsweise, raten gleich davon ab, wenn der Gesamtzustand des Spenders schon fortgeschrittenen Verfall der inneren Organe andeutet. Hilft ja keinem, wenn da einer seine verfettete Leber oder seine verquarzten Lungen spenden will. Außer Augen. Augen gehen immer, auch von ganz alten Greisen. Vorausgesetzt, sie sind nicht vom grünen Star befallen oder blind. Die Innenohrknöchelchen von betagten Menschen sind auch noch verwertbar. Immer vorausgesetzt, sie funktionieren noch, anders wär ja blöd.
All die anderen Sachen: Herz, Lunge, Leber, Nieren von Menschen weit über 70 sind einfach nicht mehr verwertbar. Auch die Gebärmütter von Fifty-Somethings scheiden aus. Da ist das Verwertbarkeitsdatum deutlich überschritten.
Eine allgemeingültige Grenze nach oben gibt es offiziell nicht. Hier endlich findet die Volksweisheit : “Man ist so alt wie man sich fühlt“ mal die passende und würdige Anwendung. Und die Ärzte bestätigen: das biologische Alter spielt eine wichtige Rolle. Nur weil ein Mensch 70 ist, muss das nicht bedeuten, dass seine Organe nicht mehr verwertbar sind. Und wenn es auch nur für kurze Zeit ist, eine Übergangslösung, bis für den Empfänger ein jüngeres, besseres Ersatzeil zur Verfügung steht.
Außerdem werden inzwischen nicht nur die üblichen Verdächtigen, also Herz, Lunge, Leber und Nieren transplantiert, sondern auch Darmstrecken, Milzen, Hände, Füße und ganze Gesichter. Augen und Ohrteile erwähnte ich schon. Im Grunde könnte man ganze Menschen verpflanzen. Im Umkehrschluss hieße das doch auch, dass man dem alten Menschen alle paar Jahre ein paar frische Organe einpflanzen könnte, und schwupps, der Opa könnte glatt seine Enkel überleben. Oder er ist ein bedeutender Künstler, Autor, Forscher oder sonst was ganz Wichtiges und sollte der Menschheit erhalten bleiben. Müsste doch gehen. Wo man inzwischen Menschen einfrieren kann. Das ewige Leben - alles für die Forschung.
Ob Christian Barnard überrascht war von der Entwicklung der Transplantation, nachdem er 1967 das erste Herz verpflanzte? Der Empfänger lebte dann nur 18 Tage, aber allein, dass er überhaupt überlebte, war doch ein Wunder. Diesem Thema werde ich gesondert nachgehen.
Ich jedenfalls habe trotz der einen oder anderen Bedenken einen Organspenderausweis. Aber im Notfall könnte ich den auch vorher noch ganz schnell aufessen.